Die Firma und die Familie Tafel in Nürnberg

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Von Gerhard Hirschmann

In den folgenden Ausführungen soll der Unternehmer Julius Tafel (1827 – 1893) im Mittelpunkt stehen. Vor einem näheren Eingehen auf sein Leben und Werk ist jedoch ein Rückblick auf seine Abstammung notwendig. Die Familie Tafel war seit langer Zeit in Schwaben ansässig: Die väterlichen Vorfahren sind bis ins 16. Jahrhundert zurück in Rosenfeld und in Tübingen nachzuweisen. Der Vater Julius Tafels – Carl Christian Tafel – wurde 1785 als Sohn des Pfarrers Johann Christian Tafel in Wüstenrot (Kr. Heilbronn) geboren. Er besuchte die Schule in Murrhardt und schlug dann eine Beamtenlaufbahn im neuen Königreich Württemberg (seit 1806) ein. Nach Anstellungen in Esslingen und Ulm stieg er zum Hofdomänenrat und Hofkassier auf. Mit der Verleihung des Kronenordens war für ihn der persönliche Adel verbunden. Der kgl. Rat zählte damit zur Oberschicht und hatte mit seiner großen Familie eine Wohnung im zweiten Stock des Alten Schlosses inne. Aus der Ehe, die der königliche Beamte 1811 in Ulm mit der Tochter des ebenfalls persönlich geadelten Prälaten Christoph von Schmid geschlossen hatte, gingen in den Jahren 1812 und 1831 zehn Kinder, sechs Söhne und vier Tochter, hervor. 1854 starb Vater Tafel, 69 Jahre alt. Nicht unerwähnt soll bleiben, daß seine Schwester Johanna in die bekannte württembergische, seit 1916 geadelte Familie Weizsäcker eingeheiratet hat.
Die Familie des Hofkassiers wurde von schweren Schicksalsschlägen betroffen. Im Alter von 32 Jahren starb der älteste Sohn Wilhelm, der Theologie studiert hatte, 1834 eines gewaltsamen Todes. Erst nach drei Wochen fand man tief im Wald seine Leiche. Ein Jahr später wurde der dritte Sohn Eugen, eben zum Offizier ernannt, in Ludwigsburg ein Opfer des Typhus. Diese schweren Verluste verschmerzte die Mutter nicht. Noch im gleichen Jahr starb sie im Alter von nur 46 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls.
Julius, das neunte der zehn Kinder, geboren am 26. November 1827 in Stuttgart, war damals erst acht Jahre alt. Seine älteste Schwester, noch nicht 18 Jahre, stand dem Vater in der Führung des Haushaltes und der Erziehung der Geschwister bei. Letzterer von Natur ernst, hat sich von diesen Schicksalsschlagen auch nie mehr ganz erholt. Er wird geschildert als „begabt, rastlos fleißig, sehr pflichtgetreu, willens und fähig etwas zu leisten im Leben; jedoch empfindlich, heftig bis zum Jähzorn, dabei viel zu stolz, um einzugestehen – wenigstens sich selbst!, daß er Liebe vermißte.“ Alles Eigenschaften, die sich zufolge der Familientradition sehr deutlich beim Sohn Julius wiedererkennen ließen. Seit 1837 besuchte dieser das Stuttgarter Gymnasium. Er war ein vorzüglicher Schüler. Vom Herbst 1841 bis Ostern 1846 setzte er seine Studien an der Königlichen Polytechnischen Schule in Stuttgart fort, „um sich für die Naturwissenschaften, namentlich für die Chemie, auszubilden“. Wie es in dem Zeugnis vom 16. April 1846 heißt, hat er das „im Durchschnitt mit gutem Erfolge bewerkstelligt“. Im Sommersemester 1846 und im Wintersemester 1846/47 studierte er dann an der Universität Tübingen, wo er zum Kreise derjenigen Studenten zählte, die die Entwicklung der Landsmannschaft Ghibellinia in ihrer ersten Phase seit der Gründung 1845 entscheidend geprägt haben. Während des Studienjahres in Tübingen war Tafel als stud. philos. eingeschrieben und hat Vorlesungen in folgenden Fächern belegt: Geschichte der Philosophie, Botanik, Geographie, Mineralogie, Petrefactenkunde, Höhere Mathematik, Physik und Astronomie. Außerdem nahm er an chemischen Übungen teil.
Nach dem Abschluß der Studien trat Julius Tafel 1847 in den Staatsdienst, und zwar als Praktikant beim königlichen Hüttenamt Königsbronn (Kr. Heidenheim/Brenz). Dort befanden sich schon seit dem Mittelalter Eisenwerke, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu großer Blüte kamen. Über 1000 Arbeiter waren damals in Königsbronn beschäftigt. Im 19. Jahrhundert wurde das „Hüttenwerk“ zum reinen Gießereibetrieb. Der junge Praktikant lebte in Königsbronn unter sehr bescheidenen Verhältnissen. So berichtete er seiner Schwester Amalie in einem Brief, daß sein eigenes „gemütliches“ Zimmer außer Tisch, Stuhl und Bett nur seine Tabakspfeife und Kaffeetasse enthalte. Ein weiterer Brief verriet etwas von seiner rigiden Lebensauffassung, wenn er schreibt: „Wenn jemand hochmütig oder unartig gegen Dich ist, so sei es zweimal!“. In Königsbronn lernte Tafel bei einer Tanzveranstaltung das Mädchen kennen, das seine Frau werden sollte: Bertha Kinzelbach, die Tochter des Hüttenwerkskassiers (heute würde man sagen: Finanzdirektors) August Kinzelbach, die damals erst 17 Jahre alt war (geb. 4. September 1831). Ihre Mutter Maria Speidel trug einen in Württemberg bekannten Familiennamen.
Aus den schon erwähnten Briefen an die Schwester Amalie, die später bei ihrem Bruder Apotheker Carl Tafel in den USA lebte, gehen viele Einzelheiten über die rasch entflammte Liebe des jungen Paares hervor. Bald schon verlobten sich die beiden. Doch erst am 4. September 1853, nach einem drei Jahre lang währenden Brautstand, heirateten sie. Julius Tafel war nun mit einem Jahresgehalt von 600 Gulden fest angestellt worden. Wenig später wurde er an das klg. Eisenwerk Wasseralfingen versetzt. Er erkannte jedoch damals schon, daß ihn die Tätigkeit als württembergischer Beamter auf die Dauer nicht befriedigen würde. Er wünschte sich eine freiere, verantwortungsvollere Arbeit. So kam dem 29jahrigen das Angebot der Stelle eines Direktors in einem der v. Roll’schen Eisenwerke in der Schweiz nicht unwillkommen. Diese 1823 gegründete Aktiengesellschaft besaß mehrere Werke, das abgelegenste von ihnen war das in Choindez im Kanton Bern (seit 1978 im neugebildeten Kanton Jura) in der Nähe der Stadt Delzberg. An dem Tage, an dem Tafel die neue Stelle in der französischen Schweiz antrat, am 1. Mai 1856, kam in Königsbronn schon das zweite Kind zur Welt. Sobald die Frau reisefähig war, zog sie mit den zweijährigen und zweimonatigen Kindern ihrem Manne nach und hielt ihren Einzug in das in großer Einsamkeit gelegene Direktorshaus, das nun sieben Jahre lang die Heimat der Familie bleiben sollte.
Das Eingewöhnen in der Fremde fiel der jungen Frau nicht leicht. Im Jura-Gebirge gab es lange und harte Winter, das „welsche“ Wesen der Einwohner sagte ihr nicht zu. Dazu kamen Krankheiten des Ehemannes und der Kinder. So war es eine große Freude, als 1859 der Bruder Ernst Kinzelbach (1840 – 1892), der uns noch als „Onkel Ernst“ begegnen wird, als eine Art von Assistent des Direktors in das Werk eintrat. Eine besondere Erwähnung und Anerkennung verdient die Tatsache, daß Bertha Tafel in Choindez – und auch später – während 16 Jahren sechs ihrer neun Kinder so lange selbst unterrichtete, bis sie im Alter von 9 – 10 Jahren in die entsprechende Klasse einer öffentlichen Schule eintreten konnten.
Dank der im Jahre 1973 aus Anlaß des 150jährigen Firmenjubiläums erschienenen Geschichte der Ludwig von Roll’schen Eisenwerke sind wir über das berufliche Wirken Tafels verhältnismäßig gut unterrichtet. Wir erfahren daraus, daß von 1823 bis 1862 Direktor Josef Lack die v. Roll’schen Eisenwerke leitete. Während dieser Zeit nahm die Firma einen beträchtlichen Aufschwung. Unter Lack wirkte Tafel, wie schon erwähnt, in Choindez. 1860 verlegte man den Schmiedebetrieb von dort nach Gerlafingen, um für die Ausdehnung der Gießerei Platz zu schaffen.
Eine einschneidende Umstellung der v. Roll’schen Aktiengesellschsft brachten die Jahre 1862/63. In der Festschrift heißt es darüber, daß nach dem Ausscheiden Josef Lacks die Organisation stark verändert wurde. „Die Durchführung der notwendigen eingreifenden Umstellungen wurde in die Hände bewährter jüngerer Kräfte gelegt“. „Die neuen Direktoren – der aus Solothurn stammende Xaver Fiala für die kaufmännischen und administrativen und der von der Leitung des Werkes Choindez und des ganzen Bergbaues entbundene Julius Tafel für die technischen Aufgaben – lösten das Problem, bei dem es um Sein oder Nichtsein des Unternehmens ging, mit Hilfe des einsichtigen und großzügigen Verwaltungsrates in erfolgreicher Weise. Die oberste Verantwortung lag bei dem erst 35jährigen Tafel. Mit Entschlossenheit und Weitblick unternahm er zunächst die dringlichsten personellen Neubesetzungen. Für die technische Leitung der verschiedenen Werke holte er erfahrene Fachleute aus der deutschen Eisenindustrie und dem Bergbau“. Tafel hatte damit in verhältnismäßig jungen Jahren eine selbständige Position erreicht, in der er viel leisten und seine außerordentliche Arbeitskraft voll einsetzen konnte. Für die Familie brachte diese Umstellung den Umzug nach Gerlafingen und damit ein Ende der Einsamkeit in der Fremde. Tafels Jahresgehalt betrug damals 8000 Franken, hinzu kam ein, allerdings nicht besonders hoher Gewinnanteil. Außerdem standen ihm eine Villa mit Garten als Direktorenwohnung, sowie Wagen und Pferde zur Verfügung.
Es erwies sich als notwendig, daß in Gerlafingen ein umfangreiches Erneuerungs- und Bauprogramm durchgeführt wurde.
Davon sei hier nur erwähnt, daß Tafel, als er sich in Belgien umsah, mit dem Plan für ein neues Blechwalzwerk nach Hause kam, das 1864 installiert wurde. Im gleichen Jahr wurden größere Umbauten im Hammerwerk durchgeführt, ein zweiter Dampfhammer aufgestellt und ein Eisenmagazin errichtet. 1869 konnte Tafel erneut an Erweiterungen herangehen, die der Aufbereitung und Verarbeitung des Alteisens dienten. Dabei handelte es sich um Arbeiten, die wenig später im Mittelpunkt von Tafels Nürnberger Unternehmen standen.
In Gerlafingen fehlte es dem jungen Direktor und seiner Frau auch nicht an einem Bekanntenkreis und häufigen Gästen aus der Verwandtschaft. Überschattet wurde das Leben der Familie – unterdessen war die Zahl der Kinder auf vier angewachsen – durch längere Erkrankungen der Mutter. Im Jahre 1868 konnte das Ehepaar im Anschluß an eine Geschäftsreise des Vaters nach England einen sechstätigen Aufenthalt in Paris einplanen, für beide Ehepartner ein nachhaltiges Erlebnis! Der deutsch-französische Krieg von 1870 wurde in der Familie Tafel mit großer Anteilnahme verfolgt. Die patriotische, deutsch-nationale Gesinnung der Eltern war der Anlaß zu einem Friedensfest, das zusammen mit mehreren bekannten Familien in der Direktorenvilla gefeiert wurde. Die Kriegsereignisse hatten aber noch ein schlimmes Nachspiel. Mit den französischen Truppen des Generals Bourbaki, die im Winter 1870/71 in der Schweiz interniert wurden, war in den Kanton Solothurn der Typhus eingeschleppt worden. Daran erkrankte die damals 14jährige Tochter Sophie. Über die Roßkur, der sie sich unterziehen mußte, berichtet ihre Schwester: „Damals war es Mode, diese Krankheit durch Erfrieren und Aushungern des Patienten zur Heilung zu bringen: Drei Wochen lang lag Sophie in eiskaltem Zimmer, Kopf und Leib mit Eis zugedeckt und wurde bis zu siebenmal in 24 Stunden kalt gebadet, trotzdem sie bei entsetzlicher Abmagerung dabei beinahe erfror. Es ist ein Beweis für ihre große Zähigkeit und Kraft, daß sie trotz dieser schrecklichen Behandlungsweise der aufs heftigste auftretenden Krankheit mit dam Leben davonkam“.
Einer Auskunft des Staatsarchivs Solothurn zufolge hat es sich damals allerdings nicht um eine Typhus-, sondern um eine Pockenepidemie gehandelt. Am 21.9.1984 teilte dieses Archiv mit: „Gemäß Rechenschaftsbericht des Sanitäts-Departements von 1871 handelte es sich damals um eine Pockenepidemie infolge Verschleppung des Pockengiftes durch die Heimkehr von Soldaten der Bewachungstruppen der französischen internierten Soldaten in die Gemeinden des Kantons Solothurn. Trotz Impfungen, Wiederimpfungen und Isolationen fielen im Kanton 119 Personen dieser Krankheit zum Opfer“.
Zu Beginn des Jahres 1875 beantragte Tafel bei der Generalversammlung der AG die Bewilligung eines Kredites von 150.000 Franken für den Bau eines neuen Hochofens, der doppelt so groß sein sollte wie der bisherige. In der Firmenfestschrift heißt es an dieser Stelle: „Der Beschluß war gefaßt. Um so größer war die Überraschung, als der erfolgreiche Direktor am Tage darauf seinen Rücktritt einreichte. Tafel gab an, die Arbeitslast sei ihm zu groß geworden. Er ließ aber auch durchblicken, daß seine Beziehungen zum Verwaltungsrat nicht die besten waren. Kurz nach dem „brüsken Rücktritt“ erfuhr man, Tafel habe in Nürnberg ein eigenes Unternehmen gegründet. Trotz dieser kritischen Bemerkung fährt der Text – sicher mit Recht – fort: „Der initiative Deutsche hat unbestreitbar den Schritt zum modernen Industrieunternehmen vollzogen. In einem Jahrzehnt war die Produktion von Gußeisen fast vervierfacht, die von Handelseisen und Blech mehr als verdreifacht worden. Von 1,4 Millionen Franken im Jahre 1863 war das Aktienkapital 1872 auf 2 Millionen erhöht worden“.
Tafels Tochter bemerkte in ihren Aufzeichnungen zu den Vorgängen des Jahres 1875, ihr Vater habe bereits seit 1871 immer mehr Unannehmlichkeiten mit den Verwaltungsräten der AG gehabt. Nach dem deutsch-französischen Krieg sei die Stimmung in der Schweiz nicht sehr deutschfreundlich gewesen. Deshalb habe sich Tafel entschlossen, seinen im Herbst 1875 auslaufenden Vertrag nicht mehr zu erneuern. Für einen 48jährigen Mann mit acht Kindern war das fürwahr kein leichter Entschluß, eine sichere berufliche Position aufzugeben, um ein eigenes industrielles Unternehmen zu begründen.
An dieser Stelle muß ich in meinem Bericht über die Geschichte der Familie innehalten, um einen Blick auf die technisch-industrielle Entwicklung in Nürnberg zu werfen, da diese von nun an Tafels Lebensweg maßgeblich beeinflußt hat. Seit der Eröffnung der ersten deutschen Eisenbahn von Nürnberg nach Fürth am 7. Dezember 1835 hat das Eisenbahnzeitalter auch in Deutschland seinen Anfang genommen. In rascher Folge entstanden seitdem allerorten Eisenbahnlinien, die der Industrialisierung einen mächtigen Antrieb verschafften. Die Nachfrage nach dem Rohstoff Eisen für den Bau von Lokomotiven, Waggons, für Schienen und Brücken stieg steil nach oben. Die bestehenden Eisenwerke erlebten einen kräftigen Aufschwung. Maschinenfabriken entstanden in rascher Folge. Bald wurde Nürnberg zu einem Schwerpunkt dieser Entwicklung. Schon 1825 hatte hier Johann Wilhelm Späth mit einer Maschinenproduktion begonnen. Sie wurde bald von dem Unternehmen überflügelt, das der 1778 in Zella St. Blasil (seit 1919 Zella-Mehlis) in Thüringen geborene Johann Friedrich Klett in der Nürnberger Vorstadt Wöhrd gründete. Klett war 20jährig in die damalige Reichsstadt zugewandert. Frühzeitig hat er die Chancen der neuen Entwicklung erkannt und schloß 1841 mit zwei englischen Technikern James Earnshaw und John Duncan einen Vertrag, durch den er die beiden sein in den Gärten bei Wöhrd gelegenes Anwesen zur Errichtung einer Maschinenfabrik mit Eisengießerei verpachtete. Am 4. Januar 1842 erhielt Klett die Konzession zur Errichtung der geplanten Fabrik unter der Auflage, zur Heizung kein Holz, sondern nur Kohlen zu verwenden. Nun trat der rührige Kaufmann selbst als Unternehmer auf und brachte sein Gartengrundstück in eine Firma Klett & Co. ein. Das junge Unternehmen entwickelte sich rasch und gut. Bereits im dritten Jahr erzielte man einen Reingewinn von 2000 Gulden. Zum Antrieb der Arbeitsmaschinen wurde eine Dampfmaschine aufgestellt und 1843 beschäftigte die Fabrik schon 70 Arbeiter“
Wenig später trat der junge und tatkräftige Theodor Cramer (geb. 1817 in Nürnberg) in die Firma ein. Nach dem plötzlichen Tod Kletts am 21. April 1847 heiratete Cramer Kletts einzige Tochter Emilie und wurde damit zum Erben des Klett’schen Besitzes. Das junge Paar nahm den Doppelnamen Cramer-Klett an. Unter dem neuen Inhaber der Firma vollzog sich ein grundsätzlicher Wandel. Die Fabrik erlebte einen beträchtlichen Aufschwung. Die beiden Engländer schieden aus der Firma aus und errichteten zusammen mit Leo Haas, dessen Sohn Robert wir später noch begegnen werden, in Wöhrd eine eigene Maschinenfabrik. Theodor v. Cramer-Klett führte das Unternehmen seit 1849 so weiter, wie es seiner Tatkraft, seinem Unternehmungsgeist und seinem kaufmännischen Geschick entsprach. Der Bau von Dampfmaschinen und Eisenbahnwagen, der Guß von Eisenteilen verschiedenster Art und von Eisenkonstruktionen, von denen der Glaspalast in München am berühmtesten wurde, waren die Schwerpunkte der Produktion.
Im Jahre 1865 wurden die Eisengießerei und die Maschinenfabrik, zu der seit 1850 noch eine Drahtstiftenfabrik hinzugekommen war, in die „Maschinenbau-Gesellschaft Nürnberg Klett & Comp.“ umgewandelt. Mit Jean Kempf und Ludwig Werder als Teilhaber hatte Cramer-Klett ausgezeichnete Berater zur Seite.
Von entscheidender Bedeutung wurde nun, daß das Jahr 1875 den Nürnberger Großunternehmer und den zehn Jahre jüngeren, nach einer neuen Aufgabe suchenden Julius Tafel zusammenführte. Am liebsten wäre es Tafel gewesen, sein geplantes Werk in der schwäbischen Heimat zu errichten. Heilbronn und Cannstatt wurden als Standorte in Erwägung gezogen. Für Nürnberg sprachen dann aber gewichtige Gründe. Eine Zusammenarbeit mit der Firma Cramer-Klett versprach zwei große Vorteile: Tafel konnte aus dieser Fabrik Abfall-Eisen beziehen, das durch sein Schmelz- und Walzverfahren wieder zu brauchbaren Eisen verarbeitet wurde. Gleichzeitig konnte er in der Maschinenbau-Gesellschaft Nürnberg mit ihrer bedeutenden Waggonbauanstalt einen guten Abnehmer des in seinem geplanten Walzwerk gefertigten Stabeisens erwarten. Aus ähnlichen Gründen war dem Nürnberger Fabrikherrn Tafels Niederlassung willkommen, wußte er doch, daß er mit Julius Tafel einen kenntnisreichen und erfahrenen Fachmann der Eisenproduktion zum Nachbarn gewann, der im Werk Gerlafingen neben manchen Neuerungen am Hochofen und in der Gießerei auch das Schrottpaketierverfahren anstelle des Frischfeuers eingeführt hatte. Bei diesem Verfahren wurden die Teils des Schrotts in Pakete zusammengefügt und diese dann nur soweit erhitzt, daß das Eisen teigig wurde und man die Masse formen und walzen konnte. Dagegen handelt es sich bei der Herstellung von Flußeisen um ein Verfahren, bei dem das Eisen durch eine weit höhere Erhitzung flüssig gemacht wurde, so daß man es gießen konnte.
Im Hinblick auf die gleichlaufende Interessenlage nahm Cramer-Klett Julius Tafels Anerbieten, in das geplante Unternehmen als stiller Teilhaber einzutreten, an. Zur Rentabilität sollte beitragen, daß bei den Rohstoffen in gleicher Weise wie auch bei den Fertigprodukten, die an die Maschinenbau-Gesellschaft gingen, die sonst sehr hohen Transportkosten wegfielen. Am 24. August 1875 wurde der Gesellschaftsvertrag zwischen Tafel und Cramer-Klett zur Gründung einer Kommanditgesellschaft abgeschlossen und am Jahresende nach Einzahlung des Gesellschaftskapitals durch die beiden Gesellschafter notariell beglaubigt (30. Dezember, Biensfeld S. 172). Der Vertrag besagte, daß Julius Tafel „unter der Firma J. Tafel & Co. mit dem Sitze in Nürnberg auf einem von der Gesellschaft erworbenen Areal zu St. Jobst bei Nürnberg ein Etablissement zur Umwandlung von altem Eisen in Handelseisen errichtet. Herr von Cramer-Klett beteiligt sich an dieser Unternehmung als Commanditist nach Maßgabe des gegenwärtigen Vertrages“. Beide Partner hielten ein Baukapital von 220.000 Mark und ein Betriebskapital von 110.000 Mark für nötig. Die Einlage jedes Gesellschafters sollte 110.000 Mark betragen und war bis Ende 1875 einzuzahlen. Danach sollte Cramer-Klett der Firma noch einen Kredit bis zur Höhe von 140.000 Mark gegen 5%-ige Verzinsung zur Verfügung halten. Als persönlich haftender Gesellschafter hatte Tafel die Gesellschaft nach außen zu vertreten. Für die Geschäftsführung hatten die beiden Vertragspartner einen Betriebsplan festgesetzt. Wesentliche Änderungen dieses Planes waren nur mit Zustimmung beider Kontrahenten zulässig.
Mit dem Bau des neuen Werkes wurde schon im Laufe des Jahres 1875 begonnen, und zwar auf einem Grundstuck, das zum Haus Nr. 7 im Weiler Unterveilhof gehörte. Bei dem Anwesen handelte es sich um ein Wohnhaus mit Stall und Stadel (6 ar) und einen Acker am Mögeldorfer Weg (1 ha und 61,2 ar). Diesen in der Steuergemeinde Schoppershof, damals noch nicht im Stadtgebiet, gelegenen Besitz hatte Cramer-Klett und seine Frau Emilie am 9. Juni 1875 durch ihren Bevollmächtigten, den Fabrikdirektor Friedrich Hensolt, um 18.000 Gulden erworben. Im Kaufvertrag war dem Verkäufer, dem Ökonomen- und Fabrikarbeiter-Ehepaar Johann Michael und Sibylla Phillippina Strobel noch ein bis zum 1. Juli 1876 dauerndes kostenloses Wohnrecht eingeräumt worden. Erst nach diesem Zeitpunkt mußte das Wohnhaus den Neubauten weichen. Am 10. Februar 1876 ging dieser Gesamtbesitz um einen Kaufpreis von 29.140 Mark von Cramer-Klett an die Firma Tafel über. Auf dem Gelände entstanden nun bis 1877 die Neubauten: eine Pakethütte mit einer Blech- und zwei Schrottscheren, eine Reparaturwerkstätte, eine Walzendreherei und eine Feinstraße mit 240 mm Walzendurchmesser, angetrieben von einer Dampfmaschine von 120 PS mit Zahnradübersetzung, samt Schweißofen mit Abhitze- und einem Stochkessel. Dazu gehörten noch eine Kohlenschupfe, Remise und Portierhäuschen. 1882 wurde ein Anbau an das Fabrikgebäude errichtet. Sieben Jahre später, am 28. März 1883, erwarb die Kommanditgesellschaft von dem Kaufmann Samuel Ansbacher in Fürth als weiteren Bauplatz einen Acker „am Mogeldorfer Weg“ (Pl. Nr. 355/a/b, 2,239 ha). Der Verkäufer hatte diese Flache vier Jahre vorher in einem Zwangsverfahren ersteigert.
Wenden wir uns nach dem Blick auf die Anfänge des Walzwerkes wieder der Familiengeschichte zu! Über den Umzug der Familie von Gerlafingen nach Nürnberg schreibt die Familienchronistin Maria Reihlen, geb. Tafel, sehr lapidar und gleichzeitig aussagekräftig: „Im Jahre 1856 war die Mutter, Bertha Tafel, mit einem zweijahrigen und einem zwei Monate alten Kinde, einem arbeitsreichen und sorgenvollen Leben entgegen, in die Schweiz gezogen; jetzt (1875) nach fast zwanzig Jahren kehrte sie wieder mit einem zwei Jahre und einem zwei Monate alten Kind nach Deutschland zurück, zu einem Leben, einer Tätigkelt, die nicht weniger arbeitsreich und sorgenvoll werden sollte als die hinter ihr liegende“ (S. 22).
Am 26. November 1875, dem 48. Geburtstag Julius Tafels, erwachte die Familie im Hotel „Zum Roten Roß“ am Weinmarkt in Nürnberg. Drei Tage später konnte sie ihre Wohnung in einem Haus mit Garten in der Sulzbacher Straße (Nr. 21) beziehen. Das Haus war schlecht gebaut und deshalb im Winter trotz allen Heizens nicht warm zu bekommen. Doch bereits 1881 konnte man in ein großes mehrstockiges Haus, Sulzbacher Straße 9b, umziehen, das der Vater neu hatte bauen lassen.
Der beim Umzug erst zwei Monate alt gewesene kleine Ernst starb im Februar 1877 an einer Lungenentzündung. Während der Älteste, 1854 geborene Sohn Eugen, der sich als ein „Aussteiger“, wie man heute sagen würde, erwiesen hatte, schon 1872 in die USA ausgewandert war, erlebten die Eltern die Freude, daß die älteste Tochter Sophie 1878 in Nürnberg den Ingenieur Robert Haas heiratete. Sein Vater Leo Haas war auch Ingenieur und hatte, wie erwähnt, zusammen mit den bei Cramer-Klett ausgeschiedenen Engländern in Wöhrd die Maschinenfabrik Earnshaw gegründet. Damit ergab sich eine familiäre Verbindung zu Nürnberger Unternehmerkreisen. Der aus dieser Ehe hervorgegangene Sohn Eduard Haas (1889 – 1969) war später als kaufmännischer Direktor in der Nürnberger Eisenwerk AG tätig.
Problematisch entwickelte sich leider das Verhältnis zwischen Julius Tafel und dem in die Firma eingetretenen Sohn Hermann (1857 – 1933). Die beiden verstanden sich schlecht. Offenbar waren beide sehr eigenwillige Charaktere. Negativ beeinflußt wurde das Verhältnis noch durch den Umstand, daß das Walzwerk sich in den ersten Jahren nach seiner Gründung nicht so gut entwickelte, wie man gehofft hatte. Das Unternehmen hatte damals unter der allgemein schlechten Lage der Eisenindustrie zu leiden. Der schwindelerweckenden Hochkonjunktur der deutschen Wirtschaft nach dem Frankfurter Frieden von 1871 war fünf Jahre später ein heftiger Rückschlag gefolgt. Die Eisenpreise fielen fast um die Hälfte, die Umsätze waren gering, Gewinne wurden nicht erzielt. Gerade für neu gegründete Unternehmen waren es Jahre schwerer Sorge. Gleichzeitiger Hauptlieferant und -abnehmer des jungen Werkes war die Maschinenbau AG von Cramer-Klett. Für Julius bedeutete es in der damaligen Zeit eine große Hilfe, daß sein stiller Teilhaber Theodor van Cramer-Klett – bis zu seinem Tode 1864 – nie ein Wort der Ungeduld oder des Vorwurfs gegen den verantwortlichen Gesellschafter äußerte, vielmehr vertrauensvoll zu ihm stand, ihn aufmunterte und ihm nahelegte, sich doch mehr zu entlasten. Nach diesen kritischen Jahren besserten sich seit 1879 die Betriebsergebnisse. Das Unternehmen begann mit Gewinn zu arbeiten. Dieser Aufschwung setzte sich bis zum Ersten Weltkrieg fort.
Der dritte Sohn Wilhelm begann nach dem Abitur am Realgymnasium in Nürnberg sein Studium an der Technischen Hochschule München. Schweren Herzens hatte er auf seinen Lieblingswunsch, Arzt zu werden, verzichtet und sich der Maschinentechnik zugesandt, um möglichst bald für den Vater sine Stütze in der Firma zu werden, nachdem dessen Zusammenarbeit mit dem Sohn Hermann so schlecht funktionierte. Ein mehrmonatiges Volontariat absolvierte er zur Fortbildung 1892 im größten böhmischen Eisenwerk Witkowitz. Im Jahre 1890 kam es erneut zu schwerwiegenden Streitigkeiten Julius Tafels mit dem seit 1885 verheirateten Sohn Hermann. Sie hatten ihre Ursache in einer wachsenden Überreizung des letzteren, die sich in den folgenden Jahren bis zu einer Nervenerkrankung steigerte. Durch Vermittlung des Bruders der Mutter, des Onkels Ernst Kinzelbach, des Nachfolgers von Julius Tafel als Direktor der von Roll’sehen Eisenwerke, gelang es, den Sohn zu bestimmen, mit seiner Familie für einige Zeit in die Schweiz zu übersiedeln, bis ein Entschluß über die weitere Zukunft gefaßt war. Diese familiären Schwierigkeiten ließen beim Seniorchef den Entschluß reifen, die Leitung der Firma abzugeben und sich nach Stuttgart als Altersruhesitz zurückzuziehen. Ein Jahr später wurde dieser Plan verwirklicht.
Als Julius Tafel zum 1. Juli 1891 das Werk, daß er aufgebaut hatte, seinen beiden Söhnen Hermann und Wilhelm übergab, lag hinter ihm eine Periode rastloser, erfolgreicher Arbeit für die finanzielle Kräftigung des Unternehmens, für den gesicherten Absatz seiner Fabrikate, für die Heranbildung einer fachkundigen und leistungsfähigen Belegschaft und für die Verbesserung der technischen Anlagen. Tafel war hart und kompromißlos gegen sich selbst und forderte das Äußerste von der eigenen Person. So trat er aber auch anderen gegenüber auf. Wer sich nicht fügen wollte oder seinen Forderungen nicht entsprach, mußte des Feld räumen. Das mußten speziell auch seine Söhne erfahren.
Zusammen mit seiner von schwerer Krankheit heimgesuchten Frau übersiedelte der ruhiger gewordene und milder gestimmte Unternehmer in die württembergische Landeshauptstadt. Dort kam es am 26. November 1891, dem Geburtstag Julius Tafels, zu einer Aussöhnung zwischen ihm und dem Sohn Hermann. Erfreulicherweise hatte sich in Stuttgart innerhalb weniger Monate um das alternde Ehepaar ein Mittelpunkt für die Verwandtschaft und für Freunde gebildet. Allerdings war Julius Tafel nur noch eine kurze Zeit des Ruhestandes vergönnt. Nach einem Schlaganfall im August starb er am 24. Oktober 1893. Tafel zeichneten großer Fleiß, Pünktlichkeit und Schaffenskraft aus. Ähnliche Forderungen stellte er an seine Söhne und die Belegschaft. Er forderte hohe Leistungen, hatte dafür aber auch Verständnis für die Belange der Arbeiter. In der christlichen Glaubenslehre fühlte er sich nicht heimisch, dazu war er ein zu freier Geist, den Lehren der Naturwissenschaften, vor allem Darwin, zu sehr verbunden. Von dieser Einstellung geprägt, hatte er bestimmt, daß er nach seinem Tod im Heidelberger Krematorium verbrannt werden sollte. Er verbat sich auch die Teilnahme eines Geistlichen an der Trauerfeier. Nur ein Verwandter, Professor Müller, konnte am Sarge einen kurzen Rückblick geben auf das tätige Leben des Unternehmers.
Unter der Leitung der beiden Söhne entwickelte sich das Werk weiterhin erfolgreich, wenn auch tiefgreifende technische Neuerungen in der Branche einen harten Konkurrenzkampf gerade in diesem Industriezweig heraufbeschworen.
Um ihn zu bestehen, kam es auf die Leistung jedes einzelnen Mitarbeiters nach Menge und Güte des Produktes an. Einer Quelle aus dem Jahre 1899 ist zu entnehmen, daß das Werk damals mit einer Dampfkraft von 600 PS arbeitete und jährlich ca. 15000 Tonnen Stabeisen, Bandeisen, Faconeisen und Kleineisenzeug lieferte. Die Zahl der Beamten betrug 10 und die der Arbeiter 350. Um mindestens einen Teil dieser Belegschaft stärker an die Firma zu binden, wurden 1900 auf einem Grundstück des „Marterackers“, das J. Tafel & Co. am 10. November 1899 von Th. v. Cramer-Klett junior in der Steuergemeinde Erlenstegen um 2300 Mark erwerben konnte, zwölf Wohnhäuser erbaut und an Arbeiter vermietet (ursprünglich Unterveilhof Nr. 11a/b bis 15a/b und 17a/b, später: Weißer Weg und Walzwerkstraße). Mit der großen Eingemeindung von 1899 kam das gesamte Gelände zum Stadtgebiet Nürnberg. Schon 1886 hatte sich Hermann Tafel auf einem von den Vormündern des jungen Th. v. Cramer-Klett am 16. Mai 1885 um 2500 Mark gekauften Grundstück in der Gemeinde Erlenstegen eine Villa gebaut und einen Garten angelegt (urspr. Hs. Nr. 31 in Jobst, später: Äußere Sulzbacher Straße 88).
Eine Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage gegenüber der Zeit der Gründung ergab sich aus der mehr und mehr um sich greifenden Verdrängung des von der Firma Tafel gefertigten Schweißeisens durch das billiger herzustellende Flußeisen. Dadurch verlagerte sich die Anfertigung des Stabeisens in zunehmenden Maße in den Westen des damaligen Deutschen Reiches. Eine weitere Verschiebung für die wirtschaftlichen Grundlagen des Werkes bedeutete die immer stärker werdende Ausbreitung der Martinsöfen. Sie brachte eine Verteuerung des Rohmaterials, des Schrotts, mit sich und verschlechterte die Sortierung. Ein dritter die Wirtschaftlichkeit der kleinen süddeutschen Eisenwerke gefährdender Umstand war die Konkurrenz durch die wachsende Eisenindustrie in Italien und Österreich. So war der Zeitabschnitt ab 1891 gekennzeichnet durch den Kampf gegen die Folgen dieser drei Vorgänge:

– Einführung des Thomas-Flußeisens,
– Herstellung von Eisen aus Schrott nach dem Martin-Verfahren.
– Entzug des Produktionsmaterials durch die Nachbarländer.

Durch eine verfeinerte Selbstkostenrechnung, durch die Herstellung von Qualitätsmarken und die Anfertigung von hochbezahlten Formprofilen gelang es dem Eisenwerk Tafel jedoch, sich in diesem Konkurrenzkampf zu behaupten. So erhielt die Firma auf der Zweiten Bayerischen Landesausstellung 1896 in Nürnberg „für vorzügliche Leistung in der Fabrikation von Facon-Eisen“ eine Goldmedaille und auf der Dritten Landesausstellung in Nürnberg 1906 wurde das Werk erneut mit einer Goldmedaille ausgezeichnet.
Zur Verbesserung des Betriebsergebnisses, zur Verbreiterung der Kapitalbasis und einer größeren Beweglichkeit der Teilhaber entschlossen sich die Brüder Tafel im Einvernehmen mit der Firma „Maschinenbau-Gesellschaft Nürnberg“ im Jahre 1900 die Kommanditgesellschaft in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln. Zum Abschluß des Gesellschafts-Vertrages erschienen am 4. September 1900 vor dem Nürnberger Notar Merz als künftige Aktionare: Die beiden Brüder Hermann und Wilhelm Tafel, als persönlich haftende Teilhaber der Firma Tafel, der Fabrikbesitzer Theodor Frhr. von Cramer-Klett junior, der Fabrikdirektor Anton Rieppel, seit 1892 alleiniger Vorstand der Maschinenbau AG Nürnberg und endlich der Fabrikbesitzer Robert Haas, Nürnberg.
Die fünf Männer errichteten unter dem Firmennamen „Eisenwerk Nürnberg AG, vormals J. Tafel & Co.“ eine Aktiengesellschaft auf der Grundlage eines eigenen Status. Die Firma Tafel brachte in die Aktiengesellschaft sämtliche Realitäten im Werte van 298.000 Mark ein. Davon entfielen 215.000 Mark auf Grund und Boden und 83.000 Mark auf die Gebäude. Die sämtlichen Vorräte an Rohmaterialien, an fertigen und halbfertigen Waren, die Maschinen, Werkzeuge, der Fuhrpark, die Wechsel, Außenstände und Wertpapiere wurden mit einem Wert von 1.027.126 Mark 25 Pfg. festgesetzt. Die Passiva der Firma Tafel betrugen dagegen 330.126 Mark 25 Pfg. Danach bezifferten sich die Sacheinlagen auf einen reinen Wert von 995.000 Mark. Dazu zahlten die fünf Aktionäre noch je 1000 Mark, so daß das Gesellschaftskapital von 1 Million Mark voll eingebracht war. Nach dem Vertragsabschluß wurden in einer anschließenden Generalversammlung Theodor Frhr. v. Cramer-Klett, Hermann Tafel und Anton Rieppel zu Mitgliedern des Aufsichtsrates gewählt. Als Vorsitzender wurde Hermann Tafel, zu seinem Stellvertreter Herr von Cramer-Klett gewählt. Auf Wilhelm Tafel fiel die Wahl zum Vorstand der Aktiengesellschaft. Zum Prokuristen wurde der in der Firma Tafel tätige Ingenieur Groß bestellt, der schon seit 1896 Prokura besaß.
Seit der Gründung der Aktiengesellschaft im Jahre 1900 hat sich die Verbindung der Familie Tafel zum Werk immer mehr gelockert. Es seien deshalb im Folgenden nur noch einige Daten aus der weiteren Geschichte des Unternehmens kurz erwähnt. Zum Schluß sollen die Geschicke der Nachkommen Julius Tafels knapp skizziert werden.
Im Jahre 1903 wurde die Feinstraße des Walzwerkes umgebaut, 1909/10 neben der Kleineisenzeug-Werkstatte eine Schraubenfabrik errichtet. Drei Jahre später (1913) schied Direktor Wilhelm Tafel aus der Leitung des Unternehmens aus, da er ein akademisches Lehramt an der Technischen Hochschule Breslau übernahm. Der Erste Weltkrieg brachte der Fabrik große Rückschläge. In der Folge verschaffte der Ankauf der Aktienmehrheit durch die Gutehoffnungshütte in Oberhausen im Rheinland im Jahre 1919 dem Betrieb eine gesicherte Rohstoffbasis. Die finanzielle Grundlage wurde 1921 durch eine Kapitalerhöhung von 3 Millionen auf 4 Millionen Mark verbreitert.
Nach der Inflation erfolgte dann eine Umstellung von der letztgenannten Summe auf 2 Millionen Rentenmark. Erwähnt sei noch, daß 1920 auch die MAN als Tochtergesellschaft an die Gutehoffnungshütte angeschlossen wurde.
Nach der Übernahme durch diesen Konzern wurde die Walzwerkanlage völlig erneuert und die Schraubenfabrik entsprechend vergrößert. Die Firma wuchs dadurch zum größten Schweißeisenwerk Deutschlands und zu einer bedeutenden Produktionsstätte für die Herstellung von Überbau- und Handelschrauben heran. Im Jahre 1922 wurde in der Äußeren Sulzbacher Straße 60 ein neues, ansehnliches zweistöckiges Verwaltungsgebäude erbaut. Das Portal des rustizierten Erdgeschosses flankieren zwei mächtige Säulen. Über dem Eingang prangt in Goldbuchstaben der Firmenname. Die Schlußsteine über den halbrunden Fenstern des Parterres schmücken sechs Skulpturen mit männlichen Brustfiguren, die auf das Walzwerk Bezug nehmen; Bergmann, Gießer, Paketierer, Heizer, Kaufmann und Ingenieur. Äußere Höhepunkte der Entwicklung bildeten die 50-Jahrfeier 1925, zu der eine Firmen-Festschrift erschien, und die 75-Jahrfeier, aus deren Anlaß die Julius-Tafel-Unterstützungskasse“ zu Gunsten verdienter Belegschaftsmitglieder errichtet wurde. Damals, 1950, waren die Schäden des Zweiten Weltkrieges innerhalb des Werkes beseitigt. Zehn Jahre später erreichte die Produktions-Kapazität eine Jahreserzeugung von 100.000 Tonnen.
Nach weiteren fünfzehn Jahren, 1975, wurde jedoch die Stilllegung des Werkes beschlossen, da eine Modernisierung der veralteten Fabrikations-Anlagen ohne eine entsprechende Rohstoffbasis ziemlich sinnlos gewesen wäre. Versuche einer Kooperation mit anderen Firmen hatten sich als vergeblich erwiesen. So wurde am Freitag, dem 16. Mai 1975, in dem Eisenwerk, dessen Jahresumsatz am Ende bei 70 Millionen DM gelegen hatte, die letzte Schicht gefahren. Für die noch 550 Beschäftigten wurde ein Sozialplan ausgearbeitet, ein Teil von Ihnen wurde von der MAN übernommen. In seiner Sitzung vom 16. Juli 1980 beschloß der Stadtrat, das 92.000 qm große Grundstück durch die Stadt Nürnberg anzukaufen, um die Hallen und das Freigelände zur Ausrichtung der aus Anlaß des 150-jahrigen Jubiläums der Deutschen Eisenbahn im Jahre 1985 vorgesehenen Ausstellung und anschließend für ein geplantes Museum der Industrie-Kultur zu verwenden.

Werfen wir abschließend noch einen kurzen Blick auf die Nachkommen der neun Kinder Julius Tafels:
Der älteste Sohn Eugen (1854-1888) war in die USA ausgewandert und hatte die Amerikanerin Whatson geheiratet. Über das Schicksal der zwei aus dieser Ehe hervorgegangenen Söhne ist nichts bekannt. Die nächstältere Tochter Sophie (1856-1919) gewann, wie schon erwähnt, Robert Haas zum Ehemann. Ihr Sohn Eduard Haas (1889-1969) wurde kaufmännischer Direktor im Tafel’schen Eisenwerk. Von weiteren Kindern aus dieser Ehe stammen sehr zahlreiche Nachkommen ab, so die Namensträger Manchot, Arnold, Zwanziger, Koch, Schächtele, Haas, Haas-Wieseler, Hubrich, Meyerhöfer und Mangelsdorf. Vom dritten Kind Julius Tafels Hermann Tafel (1857-1933) war schon in anderem Zusammenhang die Rede. Sein ältester Sohn Dr. Ing. Julius Tafel (1886-1934) brachte es bis zum Generaldirektor der Vereinigten Oberschlesischen Hüttenwerke AG in Gleiwitz/OS, während Hermanns Tochter Sophie (1892-1978) sich mit dam Diplomingenieur und Kaufmann Charles Kinzelbach verehelichte. Aus dieser Verbindung sind zahlreiche Nachfahren vorhanden, so die Namensträger Kinzelbach, Meidinger, Butters, Brochier, Weber und Schnyder in Deutschland und der Schweiz.
Hermanns jüngster Sohn Willy Tafel (1902-1965) absolvierte eine kaufmännische Lehrzeit. Nach Studienjahren in der Schweiz und in den USA bekleidete er seit 1930 leitende Stellungen bei der Gutehoffnungshütte, Abt. Düsseldorf. Anfang 1942 trat er in den Vorstand der Kabel- und Metallwerke Neumeyer AG in Nürnberg ein, wo er zuletzt als Vorsitzender des Vorstandes wirkte. Der profilierte Unternehmer wurde 1952 zum Präsidenten der Industrie- und Handelskammer Nürnberg gewählt. Außerdem gehörte Direktor Tafel den Vorständen und Beiräten zahlreicher Organisationen der Wirtschaft an. Durch ihn kam wieder eine Verbindung der Familie Tafel mit der Stadt zustande, in der der Großvater seinen erfolgreichen Aufstieg begonnen hatte. Sein Sohn Jörg ist derzeit der einzige Namensträger in Nürnberg. Die Ehe des dritten Sohnes und vierten Kindes, des Dr. chem. Julius Tafel (1862-1918) mit Fanny Winterhalter blieb kinderlos. Der Chemiker wirkte als Professor an der Universität Würzburg. Der Tochter Maria Tafel (1865-1931) verdanken wir wertvolle Aufzeichnungen über das Leben ihrer Eltern Julius und Bertha Tafel. Aus ihrer Ehe mit Dr. med. Max Reihlen, Arzt und Professor in Stuttgart, entstammt eine große Nachkommenschaft von Namensträgern Reihlen. Wilhelm Tafel (1868-1931) darf wohl als der erfolgreichste Sohn des Firmengründers betrachtet werden. Wie schon berichtet, übernahm er 1900 zusammen mit seinem Bruder Hermann das väterliche Werk. 1913 jedoch folgte er einem Ruf auf den Lehrstuhl eines o. Professors für Hüttenmaschinen- und Walzwerkskunde an der Technischen Hochschule Breslau. Seine dortige Lehrtätigkeit wurde zwischen 1914 und 1916 durch den Militärdienst unterbrochen. Anschließend wurde er ins Kriegsamt nach Berlin berufen und erlebte das letzte Kriegshalbjahr als Handelsattache an der Bayerischen Gesandtschaft in Wien. Nach dem Ende des Krieges kehrte Tafel nach Breslau zurück und entfaltete an der Technischen Hochschule eine vielseitige Tätigkeit. So schuf er dort die erste Walzwerks-Versuchsanstalt Deutschlands. Seine Forschungen über die Walztechnik und die daraus entspringende umfangreiche literarische Produktion zu diesem Thema fanden in der Fachwelt eine beachtliche Anerkennung. Seine Bücher wurden in fremde Sprachen übersetzt und die TH München verlieh ihm den Ehrendoktor. Aus seiner Ehe mit Hedwig Heller gingen ein Sohn Adolf (gab. 1899), der 1917 als Kriegsfreiwilliger in Flandern fiel, und fünf Töchter hervor. Drei von ihnen betrieben lange Jahre das Kinderheim Ingerlhof am Tegernsee. Die Tochter Maria, verheiratete Haag, war Malerin und Schülerin von Lovis Corinth. Das nächste Kind Amalie Tafel (1869-1900) war mit dem Arzt Dr. Otto Stieglitz in Esslingen verheiratet. Sie starb schon in jungen Jahren. Über ihren einzigen Sohn ist nichts bekannt. Er starb jedenfalls auch jung und noch unverheiratet. Der fünfte Sohn, zugleich das achte Kind, Otto Tafel (1872-1911) wurde Forstmann. In verhältnismäßig jungen Jahren wurde er ein Opfer der Tbc und starb als pensionierter Forstassessor. Verheiratet war er mit Ethel Roe, einer katholischen Irin. Die Tochter Berta trat in den Orden der Englischen Fräulein ein und war in Oberbayern Wirtschaftslehrerin. Der Sohn Walter (1905-1970) wanderte in die USA aus und war beruflich als Kaufmann in Chicago und Los Angeles tätig. Seine zwei Töchter und der Sohn Richard leben – verheiratet mit amerikanischen Ehepartnern – in Kalifornien. Das neunte und jüngste Kind endlich, der Sohn Ernst (1875-1877), starb schon als Kleinkind an einer Lungenentzündung.
Sehr verschiedene Faktoren bestimmten im Laufe von rund 150 Jahren, die wir überblickt haben, die Schicksale der Familie und der Firma Tafel. – Ein besonderes Gewicht kommt dabei den Erbanlagen zu, die tradiert wurden. Bei dem im Mittelpunkt des Geschehens stehenden Julius Tafel sind sehr gegensätzliche Eigenschaften nachzuweisen. Neben einem scharfen Intellekt, starker Willenskraft und großer Beweglichkeit standen eine ausgeprägte Eigenwilligkeit und ein gewisser Starrsinn. Dadurch wurde der menschliche Umgang mit ihm, zumal für die Söhne, oft sehr schwierig.
Nächst dem Persönlichkeitsbild des Unternehmers muß das Firmenpersonal ins Auge gefaßt werden. In welcher Güte und Zahl war es vorhanden, welches Verhältnis bestand zwischen dem Personal und dem Chef. Wie war es um die nächsten Mitarbeiter bestellt. Wurden sie mit glücklicher Hand ausgewählt und wurde Ihnen genügend Freiheit für eigene Initiativen gelassen.
Neben den Menschen hat das politische – in unserem Fall speziell auch das kriegerische – und das wirtschaftliche Großgeschehen maßgeblichen Einfluß auf die Entscheidungen, von denen die Entwicklung eines Unternehmens bestimmt wird. Endlich dürfen die geographischen Voraussetzungen und die davon abhängigen Rohstoffbasen nicht übersehen werden. Gerade die geographische Lage hat im Fall der Firma Tafel eine wichtige Rolle gespielt.
Erst aus dem Zusammentreffen der verschiedenen genannten Faktoren und deren Gewichtung läßt sich die Geschichte eines Unternehmers und einer Firma verstehen. Wie unterschiedlich sie verlaufen kann, möge der Hinweis auf die Firma Thyssen zeigen. Um etwa die gleiche Zeit wie Tafel – im Jahre 1867 – gründete August Thyssen (1842-1926) in Mülheim an der Ruhr ein Eisenwalzwerk. Aus seiner Gründung wuchs ein bedeutender Konzern hervor, der bis heute besteht, während bei Tafel das Jahr 1975 den Schlußpunkt setzte.
Ich hoffe, mit meinen Ausführungen über Julius Tafel und sein Eisenwalzwerk einen kleinen Beitrag zur Nürnberger Unternehmer- und Unternehmensgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert geleistet zu haben und gleichzeitig Ihnen, den Tafel-Nachfahren, die Geschichte Ihrer Familie wieder etwas näher gebracht zu haben.

Benutzte Quellen und Literatur:
– Aufzeichnungen von Maria Reihlen, geb. Tafel (1865-1911), Tochter Julius Tafels, maschinenschriftliche Abschrift vom Original, im Familienbesitz.
– Stammtafel und Ahnentafel, handschriftlich und maschinenschriftlich, Privatbesitz Dr. Karl Koch, Lauf an der Pegnitz.
– Notariatsurkunden und Grundsteuerkataster der Gemeinden Schoppershof und Erlenstegen im Staatsarchiv Nürnberg.
– Stadtchronik, Personenkartei und Z-Sammlung im Stadtarchiv Nürnberg.
– Auskünfte des Staatsarchivs Solothurn und des Universitätsarchivs Tübingen.
– Johannes Biensfeldt, Freiherr Th. von Cramer-Klett. Sein Leben und sein Werk, Leipzig-Erlangen.
– Fritz Büchner, Hundert Jahre Geschichte der Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg 1840-1940, Augsburg 1940.
– 1875-1925. Eisenwerk Nürnberg AG., vorm J. Tafel & Co. Nürnberg 1925.
Das Buch der alten Firmen der Stadt Nürnberg, 1930.
– August Jegel, Die wirtschaftliche Entwicklung von Nürnberg-Fürth …. seit 1806, Nürnberg 1952.
– Geschichte der Ludwig von Roll’schen Elsenwerke II: Das Unternehmen von Roll AG, hrsg. vom Direktorium, Gerlafingen 1973.
– Handbuch der deutschen Aktiengesellschaften, 40. Jg. Bd. 1, Berlin 1935.
– Handbuch der europäischen Eisen- und Stahlwerke, Ausgabe 1960/61, Frankfurt am Main.
„Nürnberger Nachrichten“ Nr. 112 vom 17./19. Mal 1975, Nr. 165 vom 18. Juli 1980 und Nr. 250 vom 11./12. Oktober 1980.

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