Familie Haas

Dein Ururgroßvater Franz Joseph Haas, geb. 29.Sept.1777 im damals schweizerischen Laufenburg, gestorben daselbst am 8.Juni 1841, war von Beruf Seiler. Als zur Zeit Napoleons der rechtsrheinische Teil Laufensburgs von der Schweiz abgetrennt und dem Großherzogtum Baden zugeschlagen wurde, stellte sich der damals noch ledige Franz Joseph Haas in uneigennütziger Weise der neuen Gemeinde zur Verfügung und wurde erster Rechtsschreiber, wozu er durch seine Schreibgewandtheit besonders geeignet war. Er soll eine ganz einmalig charaktervolle und persönliche Handschrift besessen haben.
Im Jahr 1804 wurde er, noch nicht 30-jährig, zum ersten rechtmäßigen Bürgermeister von Laufenburg bestellt und mußte als solches mehrmals an den großherzoglichen Hof nach Karlsruhe reisen. Nachdem er sich am 9.2.1806 mit Therese Probst, geb. in Laufenberg am 2.8.1786, verheiratet hatte und die Familie rasch großer wurde, hat ihn vermutlich seine Frau veranlaßt, den wohl mehr ehrenvollen als einträglichen Posten des Bürgermeisters aufzugeben und sich einem nahrhafteren Gewerbe zuzuwenden.
Es wurde damals eine neue Landstraße gebaut, von der sich die Laufenberger einen großen geschäftlichen Aufschwung ihrer Stadt erhofften, und Franz Joseph Haas erbaute vor dem Waldtor ein neues geräumiges Haus und errichtete darin die Gastwirtschaft „Zu den Zwey Hasen“. Die Kosten betrugen 8000 Gulden. Das war viel Geld für die damalige Zeit und sprach für Energie und Wagemut des Erbauers. Leider scheint er aber in der Folgezeit große Enttäuschungen erlitten zu haben und ist nicht zu Wohlstand gekommen.
Nach seinem Tod zog seine Witwe nach Nürnberg zu ihrem Sohn Leo und liegt auf dem Wöhrder Friedhof begraben. Von seinen 10 Kindern, 7 Söhnen und 3 Töchtern, wurde der zweitgeborene Friedrich als Orgelbauer berühmt. Seine Orgel in der Stadtkirche von Luzern gilt noch heute als ein Meisterwerk.

Ein weiterer Sohn Leo, geb. 13.5.1817 in Laufenberg, gest. 11.3.1882 in Nürnberg, ist Dein Urgroßvater. Er wurde Maschineningenieur und lebte zuerst in Innsbruck. Dort heiratete er seine erste Frau Antonie, geb. Uhl, die 4 Jahre älter war als er. Er zog mit ihr nach Nürnberg, um eine Stelle als Ingenieur und Mechaniker in der neu gegründeten Cramer-Klett’schen Maschinenfabrik anzutreten. Dort starb seine Frau mit 32 Jahren.
Im Jahre 1834 kamen vier englische Techniker nach Nürnberg, um die erste deutsche Eisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth zu bauen. Unter ihnen war James Edward Earnshaw, geb. am 28.8.1808 zu Dundee in Schottland. Als die Eisenbahn fertig war, gründete der reiche Kaufmann Klett und sein Schwiegersohn Cramer mit Hilfe dieser Engländer eine Maschinenfabrik in Nürnberg.

Earnshaw war Witwer, gab seinen Sohn der Witwe Christine Vorhölzer, geb. Albanus in Pension und heiratete sie in der Folgezeit. Er trat aus der Klett’schen Fabrik aus, um ein eigenes Unternehmen zu gründen und veranlaßte seinen jüngeren Kollegen Leo Haas, als sein Kompagnon mitzumachen. Dadurch lernte Leo Haas die Tochter der Witwe Vorhölzer kennen, Maria, geb. 17.2.1829, und heiratete sie am 21. November 1847.
Die Firma James Edward Earnshaw u. Co., Maschinenfabrik und Eisengießerei, wurde in einem sehr großen Gartengrundstück in der Vorstadt Wöhrd errichtet. Nach dem Tode Earnshaw’s führte Leo Haas sie allein weiter und brachte sie zu großer Blüte. Später traten seine Söhne Eduard, Robert und Willy in die Firma ein und führten sie nach dem Tode des Vaters gemeinsam weiter.

An meinen Großpapa Haas habe ich nur eine einzige Erinnerung: Ich sehe seinen weißhaarigen Kopf voll Güte und Freundlichkeit vor mir, wie ich auf dem Arm meiner Mutter ihm (wahrscheinlich zu Neujahr) gratulierte. Ich war noch nicht 3 Jahre alt, denn er starb schon vor meinem 3. Geburtstag. Er besaß die große Herzensgüte, die sich auf seinen Sohn Robert vererbte und von diesem auf Tante Lisbeth und Onkel Hermann bis auf unseren Eduard, der mich viel an Euren Großvater erinnert.

Die Großmama Haas war anderer Art. Sie war gescheit, tüchtig und willensstark und führte das Regiment über Mann und Söhne. Nach dem sehr traurigen Tod ihrer ältesten, jung verheirateten Tochter war sie tief verbittert und zog sich von allen Bekannten zurück. Erst die Bekanntschaft und die sich schnell entwickelnde Freundschaft mit der aus der Schweiz nach Nürnberg gezogenen Familie Tafel und speziell mit meiner Großmutter brachte sie wieder seelisch ins Gleichgewicht.

Sie war eine eifersüchtige Natur. Von ihres Mannes erster Ehe durfte nie ein Wort gesprochen werden, so daß keiner der Enkel je etwas davon gehört hatte. Bruder Julius und ich haben es durch Urkundenforschung erst in den letzten Wochen erfahren. Durch Großmamas hervorragende Tüchtigkeit im Haushalt war ihre Hilfe bei besonderen Anlässen sehr begehrt. Ich sehe sie noch vor mir als Dirigentin beim Backen der großen weißen Lebkuchen, was vor Weihnachten immer eine wichtige Sache bei uns war. Als Witwe lebte sie in einer schönen Parterrewohnung in der Sulzbacherstraße im Haus des Herrn Leuchs. Dieses Haus und das unsrige waren lange Zeit die beiden einzig ansehnlichen Häuser zwischen lauter Gartenmauern in der Sulzbacherstraße.
Jeden Sonntag abend versammelte sie ihre ganze Familie zum Familienabend um sich, der auch nach ihrem Tod regelmäßig weitergeführt wurde bis auf den heutigen Tag. Die Familie Haas war katholisch, trat aber 1870 zum Altkatholizismus über, als dieser sich anläßlich der Unfehlbarkeitserklärung des Papstes abspaltete und eine eigene Religionsgemeinschaft gründete, die sich vom Papst loslöste und von der man hoffte, daß sie sich zu einer deutschen Nationalkirche entwickeln würde.
Nur die Tochter Else, die mit einem strengen Katholiken verlobt war, blieb katholisch. So lebten die 3 Bekenntnisse in unserer Familie friedlich nebeneinander, ohne daß wir Kinder jemals erfahren hätten, daß man sich um Religion auch streiten könne. Unser Vater blieb sein ganzes Leben lang ein treuer Altkatholik, der für seine Gemeinde große Opfer brachte, lange Jahre als Kassier, und das war ein dornenvolles Amt, da die Gemeinde – nicht staatlich anerkannt – selbst für alle Kosten, Pfarrersgehalt etc. aufkommen mußte.
Später wurde er Vorstand der Gemeinde und wir Kinder prophezeitem ihm oft, daß im Himmel ein Extrafauteuil für ihn reserviert sein würde. Alle 4 Wochen war Gottesdienst, da sagte unsere Kuni, seine Glaubensschwester: „Herr Haas, heut is Kirch. Einer von uns muß nei, entweder ich oder Sie !“ Er hatte es gern, wenn wir Kinder mit ihm gingen, dafür durften wir dann auch mit zum Frühschoppen und das zog.
Als ich erwachsen war und Gesangsunterricht hatte, war es immer ein Herzensanliegen von ihm, daß ich die Festgottesdienste mit Gesang verschönte und ich hatte doch so greuliches Lampenfieber. Das hat mir manches Fest vergällt.
Meine Eltern hatten ausgemacht, daß die Töchter nach der Mutter protestantisch, die Buben altkatholisch werden sollten. Als die Buben geboren wurden, waren aber die Eltern von dem damaligen altkatholischen Pfarrer nicht sehr befriedigt und ließen auch die Söhne protestantisch taufen, was diese später sehr beklagten, denn die altkatholisch gewordenen Vettern erfreuten sich großer Vorteile bei den Zeugnissen, und manchem hat der sichere Einser in Religion das Absolutorium gerettet. Nach dieser Abschweifung aber zurück zu den Anfängen Deines Großvaters.

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