Familie Tafel

Die Familie Tafel soll, nach einem Ausspruch des Tübinger Ästhetikers F.T.Vischer, eine der kulturhistorisch interessantesten Familien Württembergs gewesen sein. Schon der Umstand, daß sich unter den ganzen Vorfahren meiner Mutter Sophie, geb. Tafel – soweit sich diese zurückverfolgen lassen – kein einziger bäuerlicher Ahne findet, dürfte in den deutschen Familien einmalig sein.
Handelt es sich doch nicht um einige wenige Generationen, von denen wir Kunde haben; die besondere Sorgfalt, mit der in Württemberg amtliche Quellen geführt und gepflegt werden, gestatten uns eine ganz außerordentliche Überschau über eine Unzahl von Vorfahren, die wir überall weit, in manchen Stämmen bis zu 20 Generationen in geschlossener Reihe zurückverfolgen können.
Sehr viele Pfarrer, Beamte in königlichen und reichsstädtischen Diensten, Universitätsprofessoren der Landesuniversität Tübingen, reichsstädtische Patrizier, Kaufleute und Gewerbetreibende sind unsere Vorfahren gewesen. Zu ihnen gehören verschiedene führende Männer der deutschen Reformation, so
Jacob Andreae (1528-1590), Professor, Probst und Kanzler der Universität Tübingen, hauptsächlicher Verfasser der Konkordialformel von 1577.
Andreas Osiander (1498-1552), erster protestantischer Pfarrer in Nürnberg, Professor der Theologie, Freund Melanchtons.
Johannes Brenz (Brentius 1499-1570) Prediger in Schwäbisch Hall, ab 1553 Probst in Stuttgart, der ReformatorWürttembergs, von Luther besonders geschätzt.
In den schwäbischen Reichsstädten sind es namhafte Patriziergeschlechter, wie die Rinderbach und Büchler, Mitglieder des inneren Rats der Stadt Schwäbisch Hall schon im 13. Jahrhundert; die Moser von Herrenberg, Marschall von Württemberg um 1450; die Gräter aus der Reichsstadt Biberach, die schon 1253 urkundlich genannt sind; die Wolfhardt, 1459 unter den edelsten Geschlechtern der Stadt Waiblingen genannt; die Weigenmeier, altes Bürgergeschlecht aus der Reichsstadt Nördlingen und die Weinland aus Esslingen.
Die familiären Beziehungen reichen aber auch über Württemberg hinaus, so z.B. nach Basel, wo Hans Holbein d. J. in den Bildern des Bürgermeisters Jakob Meyer und seiner Frau und in dem Bild der „Darmstädter Madonna“ herrliche Familienportraits der Tafel’schen Vorfahren geschaffen hat.
Der Vater meines Großvaters, Deines Urgroßvaters Julius Tafel, war Carl Christian Tafel (1785-1854), Hofdomänenrat und Oberhofkassier; er hatte eine Dienstwohnung im Alten Schloß in Stuttgart, wo Julius Tafel 1827 geboren wurde und mit seinen vier Schwestern und drei Brüdern aufwuchs.
Die Mutter Marie Auguste Schmidt (1791-1836) war eine Tochter des hochangesehenen Prälaten Johann Christof von Schmidt in Ulm, Generalsuperintendent von Württemberg, Ritter des Kronenordens 1. Klasse, Mitglied der bayr. Akademie der Wissenschaften.
Sie hatten 10 Kinder. Der älteste Sohn, ein begabter, liebenswürdiger Student von 20 Jahren wurde eines Tages vermißt, und erst nach 3 Monaten fand man seine Leiche tief im Walde. Ob ein Mord, ein Racheakt oder ein Duell vorlag, ist nie aufgeklärt worden. Durch die furchtbaren Aufregungen wurde die Gesundheit der Mutter schwer erschüttert und als 2 Jahre später der zweite Sohn, ein junger Offizier, an Typhus starb, erlitt sie einen schweren Schlaganfall, an dem sie – erst 46 Jahre alt – starb.
Acht Kinder, von denen das älteste, eine Tochter, noch nicht 18, dar jüngste Sohn 4 Jahre alt war, umstanden ihren Sarg. Julius war 8 Jahre alt. Sein Vater, der mit der ältesten Tochter zusammen das Hauswesen weiter führte, war von Natur ernst und durch die schweren Schicksalsschläge verbittert, so daß er den Kindern und besonders den Söhnen ein zwar gerechter, aber strenger Vater war, der kein herzliches Verhältnis zu ihnen finden konnte.
Sein Sohn Julius war ihm leider auch in vielem zu ähnlich, um sich gut mit ihm zu vertragen. Beide waren sehr begabt, rastlos fleißig, sehr pflichtgetreu, energisch und leistungsfähig, aber beide empfindlich, heftig bis zum Jähzorn, unnachgiebig und stolz. Julius besuchte das Stuttgarter Gymnasium bis zu seinem 17. Jahr und war ein vorzüglicher Schüler, war dann kurze Zeit auf dem Stuttgarter Polytechnikum und studierte in Tübingen Berg- und Hüttenkunde. Er war einer der Gründer der Burschenschaft “Ghibellinia“.
Er trat in den Staatsdienst und kam im Jahr 1847 als k. Hüttenamtspraktikant nach Königsbronn. Dort besuchte er anfang 1848 ein Tanzvergnügen im „Rössle“, dem beliebten Gasthaus in Königsbronn und sagte da zu einem Freund: „Jetzt will ich doch auch einmal mit der grünen Kassierstochter tanzen!“ Das war Bertha Kinzelbach, die furchtbar bleichsüchtig war. Trotzdem scheint sie ihm recht gut gefallen zu haben.
Julius Tafel war sich damals schon bewußt, daß er sich als württembergischer Beamter niemals befriedigt fühlen könnte und wünschte sich eine Stelle im Ausland. Nichts lag im ferner, als sich so früh zu verloben und zu heiraten. Als er sich aber darüber klar geworden war, daß Bertha Kinzelbach dasjenige Mädchen war, welches ihn ganz verstehen und vollkommen glücklich machen könnte, hatte er auch den Mut, alles andere hintanzusetzen und um sie zu werben. Er verlobte sich mit ihr und nach dreijährigem Brautstand heiratete er sie an ihrem 22. Geburtstag, dem 4.September 1853.

Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.