Robert Haas

Er wurde geboren in Nürnberg am 16. Mai 1852 als drittes Kind seiner Eltern (Leo Haas und Maria Haas, geb. Vorhölzer). Er muß schon als kleiner Bub die „gute Stund‘ selber“ gewesen sein, wie man in Nürnberg so schön sagt.

Das Anwesen seiner Eltern war früher ein Landsitz Nürnberger Patrizier gewesen. In das sehr umfangreiche Grundstück wurde die Fabrik hineingebaut, die später, sich vergrößernd, noch manches Stück von dem verbliebenen großen Garten an sich gerissen hat, aber in meiner Kindheit war der „Haasengarten“ noch riesengroß. In diesem Kinderparadies wuchs der Großvater mit seinen Geschwistern auf.
Daneben hat er sich natürlich viel in der Fabrik herumgetrieben, in all den Werkstätten, die zu einer Maschinenfabrik gehören, wie Modellschreinerei, Schlosserei, Dreherei, dem Maschinenhaus mit der großen Dampfmaschine und dem schweren Eisenhammer. Dort sind wohl sein glühendes Interesse und seine Liebe zu seinem späteren Ingenieursberuf erwachsen. Schon als Bub hat er eine ca. 1 m hohe Dampfmaschine gebaut, die noch in Betrieb zu setzen war, als meine Brüder Buben waren und an die ich mich noch gut erinnere.
Er studierte in München und Dresden und als er wieder nach Hause kam, hatte sich seine Mutter mit Frau Tafel sehr angefreundet und er lernte bald deren älteste Tochter Sophie kennen und von Herzen lieben, verlobte sich mit ihr 1877 und heiratete sie am 4. September 1878. Er war 26 Jahre alt und da er gleich in die Fabrik seines Vaters eintrat, konnte er eine Frau ernähren.
Robert Haas und Sophie Tafel als Verlobte Robert Sophie Haas geb. Tafel mit allen 5 Kindern
In der Fabrik wurden Dampfmaschinen gebaut. Robert Haas erfand selbst eine neuartige Steuerung und erhielt dafür die Goldene Medaille bei der Bayerischen Landessausstellung 1896. Er war die Seele des Geschäfts und hat auch die Hauptarbeitslast getragen in selbstloser Hingabe und mit unermüdlichem Fleiß.
Sein jüngerer Bruder Willy war ganz unbedeutend, der ältere, Eduard, war mit gutem Verstand begabt, aber egoistisch und herrschsüchtig. Er war Magistratsrat und vertrat die Fabrik nach außen hin, während unser Vater am Zeichentisch und im Betrieb von früh bis abends tätig war. Die Kunden der Fabrik wollten auch immer ausdrücklich mit Herrn Robert Haas verhandeln; das zwang ihn bis in sein Alter zu anstrengenden Geschäftsreisen.
Er liebte vor allem den Frieden und nichts war ihm mehr verhaßt als Zank und Streit. Um solchen zu vermeiden, hat er manches auf sich genommen und still ertragen. Ein hervorstechender Wesenszug Deines Großvaters war seine große Güte und Menschenfreundlichkeit. Er war niemals launisch, sondern von einer inneren Ausgeglichenheit und einem köstlichen Humor gesegnet, so daß er die größte Gemütlichkeit um sich verbreitete und das Leben mit ihm leicht und fröhlich war. Nie habe ich ein scharfes Wort zwischen meinen Eltern gehört, nie ihn über irgend jemand lästern oder spotten hören. Wer ihn kannte, der hatte ihn gern. Er war die Zuverlässigkeit und Ehrenhaftigkeit selbst.
Die Erziehung seiner Kinder überließ er gern seiner Frau, die ein besonderes Talent dafür hatte. Mußte er doch einmal in die Erziehung eingreifen, so wurde ihm nachgesagt, er bediene sich einer Ohrfeige mit Bremsvorrichtung aus Sorge, daß das Gehör des Delinquenten leiden könnte. Einmal hörte meine Mutter im Nebenzimmer ein Gespräch zwischen Onkel Eduard und einem Schulkameraden mit an, in dem letzterer kolossal renommierte, wie er seine Mutter anschwindeln und herumkriegen konnte. Eduard konnte damit natürlich in keiner Weise konkurrieren und sagte nur etwas kleinlaut: „Dafür hab mir an recht guten Vadder.“
Ich kann mich kaum erinnern, daß er mich einmal gezankt hätte. Bei den Buben konnte er ärgerlich werden, wenn Beschwerden aus der Nachbarschaft kamen wegen eingeschossener Fensterscheiben, denn auf ein friedliches Einvernehmen mit der Nachbarschaft legte er großen Wert.
Der Großvater hatte wenig musikalisches Gehör, aber eine schöne Stimme und sang so gern. Was hatten wir für einen Spaß, wenn er uns in vorgerückter Stunde aus Lohengrin vorsang: „Nie sollst Du mich befragen. Hörst Du Elsa !“ Er konnte auch mit großem Pathos deklamieren, und wenn er uns Kindern am Sonntag früh beim Anziehen die Bürgschaft von Schiller vortrug, dann lief es uns kalt über den Rücken. Köstlich waren auch seine Ratschläge an die Söhne. Wenn z.B. in der Schule was Besonderes los war, sagte er: „Da wäre ich aufgestanden und hätte gesagt: Kommilitonen !!!“ Wenn sie eingeladen waren, versäumte er nie die Mahnung: „Daß Du fei der gnädigen Frau die Hand küßt!“
Großvater war zu allen Menschen von Herzen gütig und flößte allen Vertrauen ein. Gegen das weibliche Geschlecht war er von einer zarten, ritterlichen Galanterie, die entzückend war. Für sich selber völlig anspruchslos und sparsam, war er ausgesprochen nobel und drängte sich immer zum Zahlen. Am Familienabend z.B. brachen Onkel Ernst und Tante Lisbeth stets früh auf, um den Zug nach Lauf zu erreichen. Jedesmal zog Onkel Ernst sein Portemonnaie und jedesmal sagte Großvater: „Ernstle, Du wirst mich doch net beleidigen wollen!“
Nur wenige Wochen im Jahr konnte Großvater sich vom Geschäft freimachen und etwas für seine Erholung tun. Mehrmals mußte er nach Karlsbad zu Kur. Öfter aber gab’s Familiensommerfrischen, immer an Badeseen, und das blieben für uns Kinder unvergeßliche Wochen. Da spannte Vater völlig aus, ließ Geschäft und Sorgen weit hinter sich und war von einem Humor und einer Lustigkeit, daß wir aus dem Lachen gar nicht mehr herauskamen. Stundenlang konnte man erzählen von den netten Erlebnissen mit ihm.
Im Sommer 1898 verbrachten wir vier herrliche Wochen in Walchsee in Tirol. Onkel Paul mit Tochter und 2 Söhnen waren auch dabei. Wir hatten den ganzen oberen Stock des alten Bauernwirtshauses „Zum Schopferwirt“ gemietet und dort kamen jeden Abend die Burschen des ganzen Dorfes zusammen, um Musik zu machen und um mit uns Stadtfräuleins zu tanzen. Wir hatten dort ein paar Tage Besuch von anderen Verwandten, die erschöpft wieder abreisten und sagten, bei uns lache man sich zu Tode. Wieder einmal mußte Vater ein paar Tage früher nach Hause, vom Geschäft gerufen. Unsere Wirtsleute gaben ihm zu Ehren ein großes Abschiedsfest, zu dem sie sogar eine blinde Sängerin von weit her kommen ließen, und als am anderen Tag der Vater abgereist war, wurden sie ganz tiefsinnig und seufzten immer wieder: „Um den Mann is schad! A solcher Mann kommt net wieda!“
In der Sommerfrische konnte Großvater auch weit und unermüdlich laufen, bergsteigen weniger, wegen seines Schwergewichts. Wir nannten ihn immer den Flachsenner. Im Alltag daheim war er aber schwer zum Spazierengehen zu bringen, was er bei seiner mehr sitzenden Lebensweise am Zeichentisch hätte tun sollen. Wie oft holte ich ihn mittags vom Geschäft ab, um ihn noch zu einem kleinen Umweg zu bewegen. Wenn er eine Straßenbahn sah, sagte er regelmäßig: „Kinder, wozu sind die Errungenschaften der Technik da, wenn wir sie nicht benützen?“
Sein Skatbruder Pürckhauer, der selbst sehr viel Sport trieb, sagte einmal zu Großmutter: „Frau Haas, Ihren Mann haut’s schon noch mal vom Stängle!“ Diese düstere Prophezeihung behagte ihr natürlich wenig und ich habe noch ihren freudigen Ausruf im Ohr, als sie ein paar Jahre später in der Zeitung die Todesanzeige von Pürckhauer las: „Jetzt hat’s den Herrn Pürckhauer vom Stängle g’haut!“
Großvater war glücklicherweise eine sehr gesunde Natur, wie die aus ländlichen, kleinbürgerlichen Lebenskreisen entstammende Familie Haas überhaupt, und das war wohl ein großes Glück für uns Kinder, denn die Familie Tafel, seit Jahrhunderten hochgebildet und gelehrt, hatte eine solche Blutauffrischung dringend nötig.
Unser Vater hatte nur ein Lungenemphysem, das er sich auf der Hochzeitsreise geholt hatte, als er seine junge Frau auf einem Esel auf den Schafberg im Salzkammergut reiten ließ und er versuchte, mit diesem Schritt zu halten. Als Folge davon hatte er häufig unter Asthma zu leiden. Auch hatte er einen Leistenbruch, der sich einmal einklemmte, so daß er operiert werden mußte. Das war damals keine Kleinigkeit, daheim unter der Petroleumlampe auf dem mit einer Matratze belegten Eßzimmertisch. Ich war damals vielleicht 7-8 Jahre alt und platzte nach der Operation in das noch nicht aufgeräumte Zimmer. Den entsetzlichen Anblick des Lagers mit den blutigen Tüchern habe ich heute noch vor Augen. Sonst aber kann ich mich kaum erinnern, daß mein Vater krank gewesen wäre.
Hatte er aber mal eine Grippe oder dergleichen, ließ er sich das Konversationslexikon ans Bett bringen und las uns mit Genuß die schrecklichsten Komplikationen vor, die ihn bedrohen könnten, was sehr erheiternd war. Vater lebte nur für seine Arbeit und für seine Familie mit Ausnahme von Montag, wo er seinen Skatabend im „Grauen Kater“ hatte. Da galt das Gesetz: „Nur der eigene Tod entschuldigt und auch der nur, wenn er vor 8 Uhr abends eingetreten ist“. Die Skatkasse wurde dann einmal im Jahr zu einer Skatreise benützt. Da blühte wieder der ganze Humor unseres Vaters und die alten Herren amüsierten sich köstlich.
Und doch war Großvater im Grunde seines Herzens eigentlich still und ernst, oft von geschäftlichen Sorgen bedrückt, die er in sich verschloß und nicht leicht ausspucken konnte. Mein Vater hatte ein fast freundschaftliches Verhältnis mit dem Tod, hat sich nie gescheut, an ihn zu denken und von ihm zu sprechen. Das habe ich von ihm geerbt. Wenn wir auf Reisen waren, haben wir immer gern die Friedhöfe besucht und uns für die Grabstätten der Ortsansässigen interessiert.
So war es für den Großvater ein ganz besonderes Anliegen, als er 1919 unerwartet und viel zu früh seine über alles geliebte Frau verloren hatte, ihr ein schönes Grabmal zu errichten. Das geschah an einem Platz, den die Großmutter sich eigentlich selber ausgesucht hatte. Ein Jahr vor ihrem Tod hatte sie viel Zeit und Mühe darauf verwendet, ihrem Bruder Willy einen Begräbnisplatz zu suchen, auf dem er seinem einzigen, mit 18 Jahren gefallenen Sohn Adolf ein künstlerisches Denkmal setzen lassen wollte. Sie hat mich selber noch hinausgeführt und hat mir erklärt, daß der neue Südfriedhof und speziell der eine Platz ihr nach langem Suchen als der schönste und der geeignetste erschienen sei: Bei dieser Besichtigung sind wir gerade an der Stelle gestanden, wo wir sie ein Jahr später selber begraben mußten.
Jeden Samstag nachmittag pilgerte der Großvater zu ihrem Grab und wenn ich oder Ihr Buben zu Besuch bei ihm waren, gingen wir natürlich mit ihm. Da ist mir mancher reizende Ausspruch in Erinnerung geblieben. Einmal fragten wir ihn, ob wir uns auch da begraben lassen dürfen, worauf er antwortete: „Kinderle, Ihr seid alle freundlichst eingeladen“. Ein anderes Mal erklärte er mir den Vorzug des Platzes: „Weisst, wenn man am jüngsten Tag aufersteht und seine Knöchle zusammensucht und ein bissle Toilette machen will, ist doch so eine abgeschlossene Nische recht angenehm“. Darum ermahnte er uns auch, die abschließenden Hecken sorgfältig zu pflegen.
Einmal begleiteten ihn ein ein paar Enkel – vielleicht warst Du, lieber Willy, selber dabei – da prägte ihnen der Großvater ein, daß sie im Jahr 1969 nicht vergessen dürften, das Grab wieder für weitere 50 Jahre zu kaufen, worauf Robert Arnold sorgenvoll fragte: „Wenn wir aber dann kein Geld haben?“ Der Großvater überlebte die Großmutter um 4 Jahre. Er nahm seinen Sohn Eduard mit Familie in seine Wohnung auf, Kuni, die 49 Jahre unserer Familie diente, pflegte ihn treu. Seine Schwiegertochter Clara las ihm jeden Wunsch von den Augen ab, wie er mir 1920 einmal schrieb. Auf meine Frage, ob der Kleinkindertrubel nicht zu anstrengend für ihn sei, antwortete er: „Tausendmal besser doch, als allein zu sein“.
Er freute sich an seinen Enkeln. In diesen 4 Jahren mußte Großvater das Briefeschreiben an seine auswärts lebenden Kinder übernehmen, was ihm sein ganzes Leben lang die Großmutter abgenommen hatte. Aus seinen Briefen spricht nur Liebe zu seinen Kindern und Enkeln und immer wieder die Frage, womit er jedem Einzelnen Freude machen könnte. Wenn Großvater auch in seinem Herzen tief um seine so sehr geliebte Frau trauerte, so zeigte er es nie durch Jammern und Kopfhängenlassen, dazu war er viel zu rücksichtsvoll und bescheiden und viel zu dankbar für jedes Zeichen unserer Liebe und Verehrung.
Im Jahr 1921 nahm er mich für 3 Wochen mit in seine Sommerfrische nach Mayerhofen im Zillertal. Da war er noch recht leistungs- und genußfähig. Er trug auf unseren weiten Ausflügen mit Stolz das silberne Abzeichen des Alpenvereins, auf das er oft von anderen alten Herren angesprochen wurde. 1922 feierte er noch in guter Gesundheit seinen 70. Geburtstag, den wir zu einem schönen und lustigen Fest gestalteten. Im Sommer dieses Jahres lud er seine beiden Töchter zur Sommerfrische nach Obernzell bei Passau ein und wir verbrachten zu dritt eine sehr fröhliche Zeit mit abendlichem „Budenzauber“ und vielen schönen Ausflügen.
Dann ging es mit seiner Gesundheit abwärts. Er steckte noch immer tief in der Arbeit, weil er einfach unentbehrlich war, denn sein junger Neffe Leo Haas, Sohn seines Bruders Eduard, auf den er seine Hoffnung gesetzt hatte, schlug nicht so ein, daß er ihn hätte ersetzen können. Und Großvater sehnte sich sehr nach Ruhe. Er erzählte mir einmal, wie schön er sich seinen Ruhestand ausmalte und schloß mit den resignierenden Worten: „Aber ich muß wohl in den Sielen sterben“! Da tat er mir furchtbar leid.
Der 70.Geburtstag von Robert Haas
hintere Reihe von links: Hermann Haas und Braut Hedwig Rhodius, Ernst Arnold mit Elisabeth geb. Haas, Lene Haas geb. Urlichs, Julius Haas und Eduard Haas.
vordere Reihe von links: Bertha Manchot geb. Haas, Robert Haas, Clara Haas geb. Wieseler, Karl-Robert Manchot
Gegen Jahresende 1922 stellten sich kleinere Blutergüsse in die Augen ein, die ihm das Zeichnen immer schwerer machten. An Sylvester erhielt ich einen Eilbrief von Onkel Eduard, daß unser Vater an einen Schlaganfall mit einseitiger Lähmung ernstlich erkrankt sei. Ich reiste sofort nach Nürnberg und pflegte ihn gemeinsam mit Onkel Hermann, der im Nebenhaus seine ärztliche Praxis eröffnet hatte.
Was haben wir oft gelacht und geherzt mit unserem rührend lieben, geduldigen Patienten, der auch in dieser Zeit seinen Humor und seine gute Laune nicht verlor, obgleich er sich wohl bewußt war, daß es dem Ende zuging. Als Julius hergereist kam und an sein Bett trat, sagte er mit einem lieben Lächeln: „Jusle, jetzt haut’s ihn vom Stängle“!
Allmählich ging es besser und er durfte sogar wieder ein wenig aufstehen, so daß ich am 19. Januar wieder heimzureisen wagte, doch bekam ich schon am übernächsten Tag die Nachricht, daß Vaters Zustand bedenklich sei. Eine Lungenentzündung war dazugekommen. Ich reiste sofort wieder zu ihm und wachte jede Nacht an seinem Bett, abwechselnd mit Lisbeth, Julius und Lene, bis er am 26. Januar duch einen sanften Tod erlöst wurde.
Die Einäscherung fand am 29. Januar 1923 statt. Dazu durftet Ihr Buben von München kommen und teilnehmen. Ihm war der Tod wohl zu gönnen, denn sein leben war erfüllt und abgelaufen und ein Weiterleben hätte ihm nur noch Krankheit und Leiden bringen können. Aber was für einen einzig lieben, guten Vater hatten wir verloren, und Ihr Enkel, was für einen liebevollen Großvater!

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