Sophie Haas, geb. Tafel

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Das zweitälteste Kind war die Tochter Sophie (1856-1919); sie heiratete Robert Haas. Von den fünf Kindern aus dieser Ehe stammen sehr zahlreiche Nachkommen ab, so die Namensträger Manchot, Arnold, Zwanziger, Koch, Schächtele, Haas, Haas-Wieseler, Hubrich, Meyerhöfer und Mangelsdorf.

Wie schon im Lebensbild des Julius Tafel berichtet, war Sophie das zweites Kind, die erste Tochter, die am 1. Mai 1856 in Königsbronn im Hause ihrer Großeltern Kinzelbach geboren und mit 2 Monaten in die Schweiz gebracht wurde, wo sie aufwuchs. In den beinahe 100 Jahre alten Briefen von Großmutter Bertha aus Choindez lese ich vom 10.November 1859: „Meine Tochter ist kein zartes Wesen, sondern eine wilde kräftige Person, so daß ich hoffe, der Winter werde sie etwas zahmer und gesetzter machen. Sie kann recht nett spielen, kann Perlen auffassen, kann auch erzählen und Verschen aufsagen, aber sie kann auch recht faul sein, was man dem 3 1/2 jährigen Mädchen kaum verargen kann.“
Vom 2.September 1860: „Meine Tochter wächst sichtlich heran, nicht nur körperlich, sondern sie fängt auch an, die erste Kindheit etwas abzulegen. Sie hilft da und dort gern und mit etwas mehr Ausdauer, sie strickt, braucht nicht mehr täglich eine frische Schürze und benimmt sich ihrem kleinen Bruder gegenüber möglichst vernünftig. Dabei hat sie aber zu meiner Freude keine Anlage dazu, altklug zu werden. Sie hat ein sehr kindliches Gesichtchen und kindlich wird auch ihr ganzes Wesen, so hoffe ich, noch lange bleiben.“
Am 2. Dezember desselben Jahres schreibt die Mutter, daß das Töchterchen schon einen Socken fertig gestrickt habe, wenn auch mit einiger Nachhilfe. „Ich möchte sie oft gern mit anderen vergleichen können; ich bin wirklich so zufrieden mit ihr, sie besorgt die kleine Geschäfte, die man ihr aufträgt, so ordentlich, und doch denke ich oft, ich möchte wissen, ob andere im Alter von 4 Jahren nicht noch weiter voraus sind.“
Auch dieses Kind bekam von der Mutter selbst den Elementarunterricht. 1865 entschlossen sich die Eltern, auch Sophie in Deutschland die Schule besuchen zu lassen, zwar die Mutter mit schwerem Herzen, aber doch in der überzeugung, daß es zum Besten des Kindes sei.
Sophie kam zu den Großeltern nach Königsbronn und besuchte dort die Schule. Im September 1868 trat sie in das Katharinenstift in Stuttgart ein und wohnte dort zuerst bei ihrer Tante Emilie Müller-Poths, dann bei ihren Großeltern, die nach des Großvaters Pensionierung nach Stuttgart gezogen waren. Sophie wurde von allen Seiten, auch von der Schule „so sehr gelobt, wie man ein Kind nur loben kann.“ Bei den Großeltern wurde auch ihre Konfirmation gefeiert und darauf kam sie „zur unendlichen Freude der Mutter ins Elternhaus zurück und war dort nicht nur sofort eine große Hilfe, sondern auch ein belebendes und erheiterndes Element im häuslichen Kreis.“ Sie war ebenso wie ihre Mutter unermüdlich fleißig; ein weiteres Feld der Betätigung hatte sie ja bei den vielen jüngeren Geschwistern und der oft leidenden Mutter.
Der Krieg von 1870-71 hatte für die Familie Tafel ein arges Nachspiel. Das französische Bombaky’sche Armeecorps war besiegt in die Schweiz übergetreten und ganz Solothurn war voll von frierenden zerlumpten Soldaten, die den Typhus mitbrachten. Auch nach Gerlafingen kam die Seuche und am 17.Januar 1871 legte sich Sophie mit einem sehr schweren Typhus. Damals war es Mode in der Medizin, diverse Krankheit mit Erfrieren und Aushungern des Patienten zu kurieren. „Drei Wochen lang lag das arme Mädchen im kalten Zimmer, Kopf und Leib mit Eis zugedeckt und wurde bis zu siebenmal in 24 Stunden kalt gebadet, trotzdem sie bei entsetzlicher Abmagerung beinahe dabei erfror.“
Es war ein Beweis für ihre große Kraft und Zähigkeit, daß sie mit dem Leben davon kam, trotz dieser schrecklichen Behandlungsweise, aber sie hatte lange an den Folgen zu tragen. Im Mai endlich konnten die Eltern mit Sophie nach Baden-Baden zur Erholung gehen. Im selben Jahr hatte sie dann auch noch einen heftigen Keuchhusten durchzumachen.
Im Herbst kam sie dann, leidlich erholt, in ein Pensionat nach Grandson in der französischen Schweiz, wo sie aber wegen ihrer immer noch schwachen Gesundheit nur 6 Monate bleiben konnte. Die Vorsteherin stellte ihr das Zeugnis aus, daß sie eine so begabte und fleißige Schülerin noch nie gehabt habe. Sie sprach nicht nur ein sehr gutes Französisch, sondern hatte auch sonst viel gelernt, so daß sie nun ihrer Mutter den Unterricht der jüngeren Geschwister abnehmen konnte.
1873 fuhren die Eltern mit ihr nach St.Moritz zur Kur, die ihr aber schlecht bekam, da sie noch zu zart war für das rauhe Höhenklima. Im Winter 1873-74 gingen die Eltern Sophie zuliebe viel auf Bälle und Gesellschaften in Solothurn. Sie war sehr vergnügt und sehr gefeiert, kein Wunder bei einem so schönen und klugen Mädchen. Sie hatte dunkelbraune Haare, die ihr nach dem Typhus lockig gewachsen waren, ein gut geschnittenes, schönes Gesicht, dunkle, sehr lebhafte Augen und frische Farben.
Am 12.2.1874 schreibt ihre Mutter: „Ohne Sophies Hilfe hätte ichës gar nicht machen können. Sie ist ihren kleinen Geschwistern eine sehr ordentliche Schwester und wird von ihnen dafür auch hochgehalten und geliebt; im Hauswesen ist sie geschickt, wenn sieës auch nicht gerade für das höchste Ziel ihrer Wünsche hält, einmal Haushälterin zu werden. Sophie hätte gern noch viel gelernt, sich besonders auch im Klavierspielen, das ihr so viel Freude machte, mehr geübt. Sie hat mir später oft erzählt, daß ihr täglich eine Stunde zum Klavierüben zugestanden war, und daß diese immer gar zu schnell verging. Viel zu früh ertönte der Ruf: „Sophie, die Stunde ist um, komm wieder zur Arbeit!“
Als im Jahr 1875 die Familie Tafel nach Nürnberg übersiedelte, fiel es Sophie zuerst schwer, sich dort einzuleben. Sie hatte in der Schweiz viele Freunde zurückgelassen, welche sich so leicht nicht ersetzen ließen. Deshalb war es ihren Eltern sehr lieb, daß sie im Sommer 1876 von ihrem Onkel Constantin, dem jüngsten Bruder ihres Vaters, eingeladen wurde, ein Vierteljahr bei ihm und seiner Frau in England zuzubringen. Onkel Constantin und Tante Jessie waren kinderlos und lebten in Manchester in angenehmen, wenn auch nicht großartigen Verhältnissen. Schwestern von Tante Jessie waren aber mit reichen Kohlebaronen verheiratet, so daß Sophie auch in große, elegante Gesellschaften kam und eine sehr schöne und interessante Zeit verlebte, von der sie später noch gern erzählte. Die Tante scheint auch sehr befriedigt gewesen zu sein von der reizenden Nichte, nur fand sie ihre Kleider zu wenig ausgeschnitten für Bälle, aber Sophie widersetzte sich mit Energie der Vergrößerung des Decolletées.
Als sie im Herbst 1876 nach Nürnberg zurückkam, kehrte gleichzeitig Robert, der zweite Sohn der Familie Haas vom Studium in Dresden nach Hause zurück, um in die Maschinenfabrik seines Vaters einzutreten.
Zwischen den Familien hatte sich schon vorher ein freundlicher Verkehr entwickelt, die beiden Mütter verstanden sich sehr gut und befreundeten sich näher. So lernten sich Sophie Tafel und Robert Haas bald kennen, kamen oft zusammen und es entwickelte sich zwischen ihnen eine große, aufrichtige Liebe. Robert Haas war schüchtern und Sophie mußte sich etwas in Geduld üben, bis er ihr am 29.September 1877 bei einem Ausflug in Heroldsberg seine Liebe erklärte und sie ein glückstrahlendes Brautpaar waren.
Am 4.September 1878, dem Geburtstag ihrer Mutter und der Silbernen Hochzeit ihrer Eltern wurden Sophie und Robert in der Lorenzkirche von Pfarrer Rüdel getraut. Das Hochzeitsfest fand im Hotel „Adler“ statt und die Hochzeitsreise ging ins Salzkammergut. Ihre erste Wohnung war in der Feldgasse 4 und dort wurde ich, ihr ältestes Kind, am 20 Juni 1879, vier Wochen zu früh, geboren.
Wie schon im vorigen Abschnitt erzählt, zog sie mit Mann und Kind im Juni 1881 in das von ihrem Vater neu erbaute Haus in der Sulzbacherstraße und bekam gleich darauf ihre zweite Tochter Elisabeth. Daß sie nun in einem Haus mit der geliebten Mutter wohnte, in allem bei ihr Rat und Hilfe finden konnte und selber droben bei jeder Not helfen und jede Freude teilen durfte, machte sie sehr glücklich. In den ersten Jahren ihrer Ehe war Sophie noch sehr zart. Im Mai- Juni 1883 mußte sie eine gründliche Kur in Bad Liebenstein machen. Großpapa brachte sie hin und blieb die erste Woche bei ihr und Papa besuchte sie ein paar Tage und nahm mich mit. Es gehört zu meinen frühesten Erinnerungen, wie stolz ich in Goldkäferschuhen dort herumstolzierte. Die Kur hat genützt, in den folgenden Jahren kräftigte sie sich zusehends. Der Vergleich zwischen zwei Photographien, von uns die mageren und die fetten Jahre genannt, zeigt dies deutlich.
Meine Mutter fand schon mit 18 Jahren die ersten, weißen Fäden in ihrem Haar. Auf Wunsch ihres Mannes benutzte sie einige Jahre ein Färbemittel, aber als sie hörte, daß dieses bleihaltig und gesundheitsschädlich sei, unterließ sie es wieder und wurde schnell ganz weiß, eine Erbanlage von Kinzelbach’scher Seite. Das weiße Haar stand ihr aber zu ihren dunklen Augen und frischen Farben so gut, daß kein Maler sie sah, ohne den Wunsch auszusprechen, sie malen zu dürfen. Nach sechsjährige Pause (in der Zwischenzeit hatte sie einmal Pech) wurde der heiße Wunsch des Ehepaares nach einem Sohn erfüllt.
Am 15. November 1887 wurde Julius geboren, ein schwächliches Kind, von dem die Wärterin der Mutter ständig vorredete: „Frau Haas, den bringen wir nicht durch!“ Er hat sich dann doch ganz gut gemacht, wie wir ja wissen. Nach zwei Jahren erschien ein zweiter Bub (Eduard) mit langen schwarzen Haaren, dem sein Vater gleich am ersten Tag einen Scheitel frisierte und nach zwei weiteren Jahren kam Hermann, der dritte Sohn auf die Welt. In komischer Verzweiflung über den reichen Kindersegen rief der Vater: „Sopherle, i häng mi auf!“ Sie konnten aber ihre fünf Kinder gut und ohne größere Sorgen aufziehen. Ihre Verhältnisse waren gesichert, und sie hatten, was heute den jungen Eltern fehlt, Raum und Personal.
Als meine Mutter zwei Kinder hatte, nahm sie ein junges Kindermädchen ins Haus, das war Rela Hager. Die Familie Hager war altkatholisch, also Glaubensgenossen von Großvater und sehr anständige „bessere“ Leute. Der Vater hatte durch eine Bürgschaft sein ganzes Vermögen verloren, so mußten die Töchter dienen. Großmutter bewährte an dem 14-jähigen Mädchen ihr großes Lehr- und Erziehungstalent, brachte ihr alles bei und machte eine tüchtige Hilfe aus ihr. Als nach 6 Jahren Julius auf die Welt kam, war Rela schon so fein geworden, daß sie nicht wieder Kinderwagen schieben wollte und hatte auch noch einen guten Posten in ihrer eigenen Verwandtschaft angeboten bekommen. Da fragte sie meine Mutter, ob sie nicht ihre Schwester Kuni nehmen wolle, die schon 17 Jahre alt sei und das Nähen gelernt habe. Die Großmutter tat das, und Kuni entwickelte sich zu einem Faktotum, einer Vertrauensperson, die 49 Jahre unserer Familie diente, die beide Großeltern überlebte und noch bei Onkel Eduard die Kinder mit aufziehen half.
So hatte Sophie Haas nun eine stattliche Familie. Ihr Mann überließ ihr die Erziehung der Kinder zum größten Teil und – wie schon einmal gesagt – sehr gern und mit gutem Gewissen, denn sie hatte dazu ein besonderes Talent und brachte schon viel Erfahrung auf diesem Gebiet mit in die Ehe. Vor allen Dingen war meine Mutter sehr konsequent und hat immer betont, daß dies das Wichtigste bei der Erziehung sei. Und dann hatte sie Autorität, sie setzte sich durch, ohne Schreien und Schimpfen, mit aller Ruhe, aber es war nicht gut möglich, der Mutter eine freche Antwort zu geben. Sie war liebevoll und zärtlich, konnte aber auch streng sein, wenn es nötig war. Nie ließ sie sich dabei vom Zorn zum Strafen hinreißen, sie blieb stets überlegt und beherrscht. Sinnloses Drohen mit Strafen, die man gar nicht durchzuführen beabsichtigt und die den Kindern auf die Dauer wenig imponieren, gab es bei ihr nicht. Sie lernte mit den Kindern, besuchte die Lehrer und kämpfte wie eine Löwin, wenn einem ein Unrecht geschehen sollte. Julius z.B. war zu jung für seine Klasse und ein Ministerialbeschluß befahl, solche Schüler des Gymnasiums eine Klasse wiederholen zu lassen. Da Julius aber ein recht ordentlicher Schüler war, führte die Mutter einen großen Kampf und blieb siegreich auf der ganzen Linie.
Alle Kinder mußten Klavier spielen lernen und mit unbeschreiblicher Geduld übte sie mit allen, bis sie schließlich einsehen müßte, daß der Aufwand an Zeit und Mühe sich für Lisbeth und die Söhne wirklich nicht lohnte. Dabei war sie auch die Vertrauensperson ihrer sechs jüngeren Geschwister, die mit allen ihren Anliegen zu ihr kamen und Rat und Hilfe begehrten. Konnten sich die Brüder Hermann und Willy in einer geschäftlichen Frage nicht einig werden, trugen sie in einer heißen Redeschlacht den Fall ihrer Schwester vor und sie wußte mit intuitiver Sicherheit einen klaren Rat zu geben, auch wenn sie ihn nicht immer sachlich genau begründen konnte. Man konnte mit ihr über alles reden. Sie war eine moderne Frau, die mit ihrer Zeit vorwärts ging und hielt nichts von der Prüderie, die damals in der Frauenwelt und besonders bei der Erziehung der jungen Mädchen herrschte. Meine Freundinnen beneideten mich, daß ich mit meiner Mutter über alles reden durfte und kamen selber zu ihr, sie um Rat zu bitten in Dingen, die sie mit ihrer eigenen Mutter nicht besprechen mochten. Wo in der Familie was los war, wenn z.B. ein Kind geboren wurde, was ja früher zuhause vor sich ging, wurde die Mutter um Beistand gebeten. Ihre Ruhe, ihre Bestimmtheit und ihr geschicktes Zugreifen, wo es not tat, machten ihre Hilfe so begehrt.
Als Krankenpflegerin war sie ganz in ihrem Element. Aufopfernd pflegte sie ihre Eltern und ihre Schwester Marie in schweren Krankheiten. Für mich gab es nichts Schöneres, als so recht krank zu sein und von ihr gepflegt zu werden, sie einmal ganz für sich allein in Anspruch nehmen zu dürfen. Wie schon ihre Mutter, so hatte auch meine Mutter in ungewöhnlich hohem Maße die Fähigkeit, Schönheit zu erfassen und zu genießen. Schöne Landschaften, schöne Bilder, schöne Musik konnten sie zu heller Begeisterung hinreißen. Wir Kinder nannten das mit zärtlichem Spott „krämpfet werden“. Dieser Stärke des Gefühls entsprach aber auch die Fähigkeit, Schmerz und Kummer intensiver zu empfinden, tiefer auch das Leid anderer mitzufühlen. Kühl und gleichgültig abseits zu stehen, war ihr nicht gegeben. So war meine Mutter entschieden eine außergewöhnliche Frau. Hervorragende Gaben des Verstandes und des Gemütes hatte sie von der Natur mitbekommen. Daß diese Gaben sich so harmonisch entfalten und reifen konnten, war zweifellos das Verdienst unseres Vaters, der, frei von jeder Eifersucht auf ihr glänzendes Wesen, frei von Nörgelei und Besserwisserei, sie ohne Einschränkung gelten ließ, sie bewunderte und verehrte.
Meine Mutter hatte für jeden Zeit, was erstaunlich war bei ihrer Inanspruchnahme von allen Seiten, und sie fand auch noch Zeit, sich für das öffentliche Wohl einzusetzen. Im Sommer 1893 kam Frau Professor Weber, eine Frauenrechtlerin aus Tübingen nach Nürnberg, um die Gründung eines Frauenvereins anzuregen. Sie war an meine Mutter empfohlen und forderte sie auf, diese Sache in die Hand zu nehmen. Mutter sagte, zur Vorsitzenden eigne sie sich nicht, wüßte aber für diesen Posten eine geeignete Person vorzuschlagen. An der Arbeit wolle sie sich aber gerne beteiligen. So wurde der Verein „Frauenwohl“ gegründet und Mutter ließ sich in den Vorstand wählen. Das bedeutete für sie ernste Arbeit. Sie begann mit Abendkursen im Nähen und Flicken für Mädchen und Frauen.
Bald gründete der Verein ein Wöchnerinnenheim, das sich als sehr segensreich erwies und sich zu einer ganz bedeutenden Anstalt entwickelte. Das war Mutters eigenstes Werk, dem sie unendlich viel Zeit, Kraft und Gedanken opferte und das sie trotz aller Sorgen, Mühen und Schererei, die es ihr brachte, doch ganz in ihr Herz geschlossen hatte. Mehrmals in der Woche mußte sie in das weit entfernt liegende Wöchnerinnenheim, mußte der Hausdame beistehen und die vielen Hebammen, Pflegerinnen und Hausmädchen bändigen, was auch nur einer Frau von solcher Authorität gelingen konnte. 1000 Fragen mußte sie entscheiden, um das Größte, wie um das Kleinste mußte sie sich persönlich kümmern. Was war es allein für eine Arbeit, im Januar die Jahresabrechnung für die ganze Anstalt und den Jahresbericht zu machen.
Das war aber noch gar nicht alles. Mutter wurde vom Magistrat bei den Armenratssitzungen zugezogen; nur zwei Damen hatten diese Ehre. Sie übernahm Vormundschaften, die auch viel Lauferei und manche Enttäuschung brachten. Bequem machte sich unsere Mutter das Leben wirklich nicht, sie war unermüdlich, obwohl gar nicht von sehr robuster Gesundheit. Denn bei allem, was sie unternahm wurde ihre Familie in keiner Weise vernachlässigt, ebenso wenig wie ihre große Korrespondenz. Wie oft saß sie schon früh um 6 Uhr am Schreibtisch, wenn alles noch schlief und sie in Ruhe ihre eingehenden, inhaltreichen Briefe schreiben konnte. In ihrem Haushalt konnte sie sich wohl auf Kuni verlassen, aber die Leitung behielt sie stets in der Hand. Auch hier führte sie auf das genaueste Buch und machte am Jahresschluß eine übersichtliche Zusammenstellung der gesamten Ausgaben, die ich immer bewunderte, aber selbst nie nachmachen konnte. Vater überließ ihr auch hier die ganze Verantwortung und nahm sich selbst nur ein Taschengeld.
Natürlich waren Vater und wir Kinder stets in Sorge, daß Mutter sich überanstrenge und baten sie oft inständig, sich zu schonen und besonders das Wöchnerinnenheim jüngeren Kräften zu überlassen, aber dazu war sie nicht zu bewegen, sie meinte, diese geliebte Arbeit würde ihr zu sehr fehlen. Und wie sie sich auch bemühte, eine geeignete Person zu finden, die sie zur Hilfe und späteren Nachfolgerin heranziehen könnte, es fand sich keine. Nach ihrem Tode wurde das Wöchnerinnenheim von der Stadt übernommen.
Wir fünf Kinder waren alle mit unserer Mutter auf das innigste vertraut. Durch die glückliche Ehe unserer Eltern war unser Familienleben wirklich harmonisch, herzerfrischend fröhlich und gemütlich. Ich fühlte mich so froh im Elternhaus, daß es mir mit dem Heiraten gar nicht eilte, und als ich es mit 25 Jahren doch tat, fiel meiner Mutter der Abschied von ihrer ältesten Tochter furchtbar schwer. Nun fing unsere regelmäßige Korrespondenz an, jede Woche mindestens ein Brief hin und her, Postkarten galten nicht. Jeder von uns hatte die Briefe des anderen gesammelt und nun habe ich sie alle beisammen, ein großer Persilkarton voll. Sie sind für mich ein wertvoller Schatz. Mein ganzes Leben und auch das ihre zwischen 1905 und 1919 finde ich darin wieder. Wie hat sie an allem und jedem teilgenommen, was ich erlebt habe, wie wertvoll waren mir ihre Ratschläge über Kindererziehung, was für eine liebevolle Großmutter ist sie gewesen! Wie manche schöne Reise hat sie mir ermöglicht dadurch, daß sie stets bereit war, meine Kinder in ihre sichere Obhut zu nehmen.
Dann kam der Weltkrieg und das war eine furchtbare Zeit für sie, denn sie hatte drei Söhne und einen Schwiegersohn im Feld. Ihr Jüngster wurde gleich in den ersten Kriegsmonaten durch einen Lungenschuß schwer verwundet. Um Julius mußte sie die ganzen Kriegsjahre in Angst leben. Diese ständige Angst und Sorge, die vermehrte Arbeit durch eine Volksküche, die sie einrichten und leiten mußte, dazu die Hungerjahre, zehrten an ihren Kräften. Im Herbst 1918 hatte sie eine Grippe, die sie schwer mitnahm, vermutlich eine Bauchgrippe, die nicht richtig erkannt wurde. Der Hausarzt der Familie war Onkel Paul Giulini, ein Schwager, an dem Mutter mit eisener Treue festhielt, obwohl wir von seinem Verstand und von seiner ärztlichen Kunst nicht allzuviel hielten. Ende 1918 feierten die Eltern noch ein glückliches Weihnachtsfest.
Der Krieg war beendet und wenn es auch ein Ende mit Schrecken war, so kam doch ihr Julius und Schwiegersohn Ernst aus dem Feld wieder heim und alle drei Söhne waren am Leben und gesund geblieben. Julius verlobte sich und Glück und Freude herrschten wieder in Haus. Mit brennendem Interesse verfolgte die Mutter die politischen Wirren und die Versuche zum Wiederaufbau. Dann kam die Revolution und München war ganz abgeschnitten, kein Brief, keine Nachricht, nur blutrünstige Gerüchte drangen nach Nürnberg und ängstigten die Mutter entsetzlich. Unsere Mutter hatte leider kein gutes Herz, der schwere Typhus in der Jugend wird vermutlich die Schuld daran gehabt haben. Schon als sie sich im Jahr 1904 einer schweren Unterleibsoperation (Myom) unterziehen mußte, brachte dieses schwache Herz sie in gewisse Lebensgefahr. Ende April 1919 rutschte die Mutter auf dem Parkett aus und fiel mit dem Leib gegen die Ecke von Vaters Schreibtisch. Es stellten sich starke Schmerzen ein. Dem Onkel Paul schienen die Zusammenhänge natürlich ganz klar, und er doktorte einige Tage erfolglos herum, bis man einen Spezialarzt zuzog, der schließlich einen Darmverschluß feststellte. Bei einer solchen Krankheit muß so schnell als möglich operiert werden, weil das Herz durch jede Verzögerung vergiftet wird, und nun waren die Tage nutzlos vertan worden, ehe die Operation gemacht wurde.
Die erste Nachricht, die wieder zu uns nach München durchdrang, war am 5.Mai die von Mutters schwerer Erkrankung. Beim Kommandanten der eingedrungenen weißen Armee mußten wir anstehen, um die Erlaubnis zur Ausreise aus München zu erhalten. Am selben Abend um 7 Uhr bestieg ich mit Vater den ersten Zug, der aus München wieder hinausfuhr. Wir kamen aber nur bis Ingolstadt, wo wir die Nacht im Wartesaal zubringen mußten und es dauerte bis spät am Abend des nächsten Tages, ehe wir, von Angst gepeinigt, in Nürnberg ankamen. In Treuchtlingen, wo wir wieder viele Stunden warten mußten, glückte es uns, telefonische Verbindung zu bekommen, durch die ich wenigstens erfuhr, daß ich meine Mutter noch lebend antreffen würde.
Am anderen Morgen eilte ich in die Klinik und fand meine arme Mutter in einem so elenden Zustand, daß sie kaum mehr sprechen konnte. Ihr Herz war furchtbar schwach. Die Operation wäre an sich gelungen gewesen, wenn nur das Herz durchgehalten hätte! Zwei Tage konnte ich mich noch an der Pflege beteiligen, in hoffnungsloser Angst. Am 9.Mai früh um 1/2 1 Uhr starb sie. Es war für uns alle wie ein Keulenschlag! Sie war ja erst 64 Jahre, so frisch und tätig mitten im Leben gestanden, kein organisches Leiden hätte ihren Tod bedingt – es war ein tragischer Unglücksfall. Nichts gab es, woraus wir hätten Trost schöpfen können. Ihr Verlust war unendlich bitter und völlig unbegreiflich für uns. Heute noch dreht sich mir das Herz um, wenn ich daran zurückdenke. Am 1.Mai 1956 ist die ganze Familie in Nürnberg zusammengekommen, um an ihrem 100. Geburtstag der Unvergessenen zu gedenken. Alles Leben ist vergänglich, aber unvergänglich ist die Spur, die edle und bedeutende Menschen hinterlassen haben. In uns leben unsere Ahnen weiter, ihr Blut fließt in unseren Adern und jeder von uns hat die eine oder andere Eigenschaft von ihnen geerbt. Es ist gut, ihrer zu gedenken und sie als Beispiel im Herzen zu tragen.
— Entnommen aus den Erinnerungen von Bertha Manchot, geb. Haas 2007/11/06 22:02

Dieser Beitrag wurde am 6. Oktober 2014 veröffentlicht.

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